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Wie Kriegswunden heilen können

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In einem von Rotary organisierten Camp im polnischen Tatra-Gebirge können 26 kriegstraumatisierte Kinder aus der Ukraine wieder Kinder sein.

Text: [Author] Produktion:

Unter den seelischen Narben, die das Leben in der ukrainischen Kriegszone hinterlassen hat, kommt bei Mykyta Berlet dieselbe schelmische Vorfreude zum Vorschein, die für einen 12-Jährige auf dem Weg ins Ferienlager typisch ist.

Er möchte lachen, Streiche spielen und in der letzten Nacht „alle mit Zahnpasta einschmieren“, freut er sich diebisch.

Wie die anderen 25 ukrainischen Kinder, die in den südpolnischen Urlaubsort Zakopane am Fuße der Hohen Tatra fahren, will Mykyta natürlich in erster Linie Spaß haben. Die von Rotariern organisierte zweiwöchige Pause dient jedoch einem höheren Zweck: Die Kinder sollen heilen und lernen, das Trauma zu bewältigen, das sie möglicherweise nach ihrer Rückkehr zu Hause erwartet.

Jeder Camp-Teilnehmer hat ein Elternteil oder Geschwister, die bei den Kämpfen in der Ukraine verletzt oder getötet wurden. Im Lager werden sie von Psychologen betreut und mit einer Mischung aus Therapie und ablenkenden Aktivitäten behandelt. Rotarierin Olga Zmiyivska vom ukrainischen Rotary Club Kharkiv Multinational begleitet seit zwei Jahren die Kinder auf ihrer Reise und kann die Wirkung des Camps bezeugen. „Anschließend sind sie kontaktfreudiger und aufgeschlossener“, sagt sie.

  1. Valeriia Salohub, 13 Jahre, Vater getötet

  2. Mykhailo, 6, und Oleksandr, 8, Kruhlikov, Vater getötet

  3. Valeriia Tkachuk, 12, Vater schwer verwundet

  4. Andrii Tymkov, 12, Vater schwer verwundet

  5. Dariia Lebkovska, 11, Vater schwer verwundet

  6. Mykhailo, 8, und Zakharii Mazunov, 12, Vater getötet

  7. Dmytro Tkachuk, 11, Vater getötet

  8. Viktoriia Babich, 11, und Khrystyna Treban, 13, Väter beide umgekommen

  9. Vladyslava Diachuk, 8,  Vater schwer verwundet

  10. Yurii Paskhalin, 12, und Vladyslav Tsepun, 12, Väter beide getötet

  11. Ivan Bezruchak, 8, Vater getötet, und Tymofii Zolotarov, 9, Vater schwer verwundet

  12. Anastasiia Filonenko, 11, Vater getötet

Der Krieg kam zu ihnen nach Hause

Die Kämpfe zwischen prorussischen Rebellen und der ukrainischen Armee in der Ost-Ukraine haben Tausende von Menschen das Leben gekostet und Millionen weitere vertrieben.

Die meisten der Camp-Teilnehmer sind im Schatten des knapp vierjährigen Konflikts aufgewachsen und können sich an ein Leben ohne Krieg nicht erinnern. Sie erfinden utopische Geschichten über die Schlachten und verschweigen die wirklichen Gräuel. Manche sind zurückhaltend und übervorsichtig. Andere können nachts nicht schlafen oder haben Albträume. Einige Kinder sind verschlossen und emotionslos.

In Zakopane im malerischen Tatra-Gebirge geben Rotarier den Kindern in einer friedlichen Umgebung die Chance zur Heilung. Die Kinder übernachten in komfortablen Hütten an einem kristallklaren See inmitten grüner Hügellandschaften.

Das Programm „Urlaub 2017 in Zakopane: Erholung für ukrainische Kinder“ bietet neben traditionellen Aktivitäten und Ausflügen die Betreuung durch Psychologen und Therapeuten. Mehr als 100 Kinder nahmen in den letzten vier Jahren daran teil.

Die Psychologin und Kunsttherapeutin Olha Hrytsenko hilft Kindern bei der Trauerbewältigung im Camp „Urlaub 2017 in Zakopane: Erholung für ukrainische Kinder“.

In diesem Jahr fuhren die Teilnehmer in ein Bergdorf und machten sich mit den lokalen Traditionen vertraut. Außerdem besuchten sie das historische Krakow und die Burgen, Salzbergwerke und Thermalquellen in Südpolen. Diese einfachen Aktivitäten hatten eine große Wirkung. Jurij Paschalin und Vlad Tsepun, beide 12 Jahre alt, entwickelten eine enge Freundschaft, nachdem beide ihre Väter durch Scharfschützen verloren hatten. Auf den Ausflügen begannen die Jungen, sich zu entspannen und sich wie typische, neugierige Kinder zu verhalten. „Dieses Programm erlaubt es den Kindern, sich wie Kinder zu benehmen und ihre Emotionen auszuleben“, erklärt die Psychologin und Kunsttherapeutin Olha Hrytsenko. „Sie erleben eine andere Kultur, Lebenseinstellung und Sprache und können aus dem Vergleich mit ihren Erfahrungen Rückschlüsse ziehen, was gut und was schlecht ist. Das hilft ihnen, zu sich selbst zu finden.“

Das Schweigen brechen

Auf die Frage nach ihren Familien sprechen die Kinder oft über ihre Eltern, Geschwister, Großeltern und manchmal sogar über ihre Haustiere. Dann ändert sich der Blick in ihren Augen. Das funkelnde kindliche Strahlen verschwindet, und sie werden ganz still. Man kann ihnen den Schmerz im Gesicht ablesen. Und die Stille. Wie viele andere Kinder möchte der 11-jährige Dima Tkachuk nicht über den Tod seines Vaters sprechen. Das würde ihn viel zu real machen. Sein Vater kam in einem militärischen Konfliktgebiet ums Leben. Seine Mutter dient in der ukrainischen Armee und wurde in dasselbe Gebiet geschickt, in dem Dimas Vater getötet wurde. 

Den Verlust eines geliebten Menschen vergisst man nie. Die Aufgabe besteht darin, die Quintessenz aus diesem Verlust zu finden und zu lernen, wieder glücklich zu sein..


Kunsttherapeutin

Dima ließ jedoch durchblicken, wie sehr die Situation seine Familie belastet. Nachdem sich seine Mutter der Armee angeschlossen hat, fing sein 18-jähriger Bruder mit dem Rauchen und Trinken an. „Mitunter tut er Dinge, auf die man nicht stolz sein kann“, erklärt Dima. Die Psychologen und Camp-Mitarbeiter wissen, dass man die Kinder nicht zum Reden zwingen kann. Mit Gruppenspielen, Freiluftaktivitäten, Kunsttherapie und individueller psychologischer Betreuung bauen sie stattdessen Vertrauen auf. Das seelische Kriegstrauma trifft Kinder am härtesten und führt oft zu emotionalem Rückzug. Die Wiederherstellung der emotionalen Verbundenheit ist deshalb für die Heilung von größter Bedeutung. Studien haben gezeigt, dass isolierte Kinder, denen nicht geholfen wird, später Gefahr laufen, Opfer häuslicher Gewalt, drogenabhängig und arbeitslos zu werden. Wenn die unterdrückten Gefühle dann doch ausbrechen, hören die Therapeuten einfach nur zu und lassen die Tränen fließen. „Es dauert seine Zeit, den Tod eines Menschen zu verwinden. Wir nennen diesen Prozess Trauerarbeit“, sagt Frau Hrytsenko. „Den Verlust eines geliebten Menschen vergisst man nie. Die Aufgabe besteht darin, die Quintessenz aus diesem Verlust zu finden und zu lernen, wieder glücklich zu sein.” ”

Träume und Glauben

Im Camp von Zakopane brauchte die 12-jährige Valerie Tkachuk aus dem ukrainischen Dnipro lange, bis sie anderen Vertrauen schenkte. Auf Fragen antwortete sie meist kurz angebunden und schrill. Ihr Vater wurde bei Gefechten verletzt, während ihre schwangere Mutter zu Hause für die Familie sorgte. Valerie zog sich in sich selbst zurück, wandte sich von ihren Altersgenossen ab und schlief nur noch im Schlafsack ihres Vaters auf dem Balkon. „Das war das schwierigste Jahr meines Lebens“, sagt Valerie.

Ein Ort zum Heilen

Als Anfang 2014 der Konflikt in der Ukraine ausbrach, boten Rotary-Mitglieder sofort ihre Hilfe an. „Wir dachten, wir könnten doch einen Erholungsurlaub für Kinder aus dem Kriegsgebiet organisieren“, sagt Ryszard Luczyn aus dem polnischen Rotary Club Zamosc Ordynacki. Barbara Pawlisz vom polnischen Rotary Club Sopot International und Rotarier Łuczyn erhielten Unterstützung vom Länderausschuss Polen-Ukraine. Rotarys Länderausschüsse (Intercountry Committees) sind Netzwerke von Rotary Clubs aus mindestens zwei Ländern. Sie führen oft gemeinsame Projekte durch und stärken das friedliche Miteinander zwischen den Bürgern in Konfliktländern. An diesem Netzwerk beteiligen sich Rotary Clubs aus Weißrussland, Polen und der Ukraine. Das Projekt „Erholung für ukrainische Kinder“ begann 2014 mit durchwachsenen Ergebnissen. Nicht selten kam es zwischen den acht- bis 17-jährigen Kindern zum Streit. Ihr Trauma lag erst kurze Zeit zurück und die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Altersgruppen gestaltete sich schwierig. Den Rotariern wurde klar, dass etwas geändert werden musste, aber sie ließen sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen. Nach den ersten Erfahrungen verringerten die Organisatoren die Altersspanne auf sechs bis 12 Jahre.

Mittlerweilen unterstützen 83 polnische Rotary Clubs das Projekt, mehr als doppelt so viele wie zu Beginn. Der polnische Rotary Distrikt 2231 sammelte Geld zur Bestreitung der Reise- und Unterkunftskosten für die Kinder und ihre Betreuer. Auch Clubs in Schweden und der Slowakei haben sich an der Finanzierung des Projekts beteiligt. Ukrainische Clubs helfen bei der Auswahl der Camp-Teilnehmer aus allen Teilen des Landes. „In kleinen Orten oder Dörfern ist es sehr schwer, betroffene Kinder zu finden. Deshalb haben wir alle ukrainischen Rotary Clubs um Hilfe gebeten“, meint Anna Kaczmarczyk vom polnischen Rotary Club Zamosc Ordynacki. „Jetzt machen nicht nur Kinder aus Großstädten, sondern auch aus entlegenen Orten mit.“

Hilft es auch?

Nach Aussagen der Rotarier sind die Veränderungen bei den Kindern nicht zu übersehen

Anna Kaczmarczyk, Mitglied im polnischen Rotary Club Zamosc Ordynacki, nimmt die Kinder in Lviv in der Ukraine zu Beginn ihrer Reise in Empfang. Am Anfang sind sie mitunter noch nervös und reagieren gereizt oder streitlustig. Nach der Reise sind sie dagegen entspannt, lächeln und strotzen vor Selbstvertrauen.

Zu Beginn ihrer Urlaubsreise werden die Kinder als erstes von Anna Kaczmarczyk vom polnischen Rotary Club Zamosc Ordynacki begrüßt. Frau Kaczmarczyk nimmt die Kinder in Lviv in der Ukraine zu Beginn ihrer Reise in Empfang. Am Anfang sind sie mitunter noch nervös und reagieren gereizt oder streitlustig. Nach der Reise sind sie dagegen entspannt, lächeln und strotzen vor Selbstvertrauen.

„Wir führen das Programm fort, weil wir wissen, wie gut es den Kindern tut, wie sie sich verändern, wie viel aufgeschlossener sie anderen gegenüber werden und wie sie die Welt wieder mit Kindesaugen betrachten“, erklärt Anna Kaczmarczyk. „Der Krieg stiehlt ihnen die Kindheit. Ihre Kinderträume behalten sie jedoch.“

Nach ihrer Heimkehr schicken die Kinder Briefe und Bilder über ihr Ferienerlebnis an die Programmorganisatoren und Rotary-Mitglieder.

Manche malen Portraits, bunte Naturlandschaften, Schlösser mit Königen und Königinnen und auch Drachen. Manchmal schreiben sie darüber, was sie beobachtet haben. Ein Mädchen staunte über die sauberen Straßen und freundlichen Menschen.

Ob märchenhafte Geschichten oder sachliche Beobachtungen, die Kinder bringen alle schöne Erinnerungen mit nach Hause. Kinder, die Gewalt erleben, haben oft selbst einen Hang zur Gewaltbereitschaft. Dieses Programm zeigt ihnen, dass es auch anders geht.

„Nach einem traumatischen Erlebnis, einem Autounfall beispielsweise, einer Naturkatastrophe oder Kriegen, reagieren Menschen auf extreme Weise: Entweder fürchten sie sich vor gar nichts mehr oder sie haben vor allem Angst. Ich glaube, diese Kinder fallen in die erste Kategorie“, sagt Psychologin Hrytsenko.

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