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Heilung emotionaler Wunden

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Ehepaar entwickel Erste-Hilfe-Maßnahmen für die psychische Gesundheit

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Die Schulung beginnt damit, dass die Teilnehmenden gebeten werden, auf einem Blatt Papier Beispiele für negative Annahmen und Etikettierungen über einen imaginären Kollegen zu notieren, der - was den anderen Kollegen nicht bekannt ist - unter Depressionen leidet. Die Urteile kommen schnell: fauler Einzelgänger, negativer Mensch, kein Teamplayer, Nörgler. Die Übung soll sensibilisieren, zum genaueren Hinschauen anregen.

Die Teilnehmenden an diesem zweitägigen Kurs wollen eine Fähigkeit erlernen, die zunehmend gefragt ist: Erste Hilfe bei psychischen Erkrankungen. Nach Abschluss des Kurses verfügen sie über das Selbstvertrauen und ein Instrumentarium, um mit Menschen, die an einer neuen oder sich verschlimmernden psychischen Erkrankung leiden und sich möglicherweise in einer Krisensituation befinden, unterstützend zu sprechen. Erste Hilfe kann hier eine Brücke sein, um eine Person an Hotlines, Therpeuten, Selbsthilfegruppen und Ärzte weiterzuleiten.

Die Idee für diese Kurse kam uns eines Abends beim Spaziergang mit unserem Hund. Mit der finanziellen Unterstützung von Rotary-Mitgliedern in Australien haben wir umfangreiche Forschungen durchgeführt, um die Schulung zu entwickeln. Unsere Kurse zur psychischen Ersten Hilfe, die vor 25 Jahren ins Leben gerufen wurden, haben über gemeinnützige und staatliche Organisationen in mehr als 40 Ländern mehr als 8 Millionen Menschen erreicht (selbst Lady Gaga hat in den USA für ein solches Teenagertraining geworben, um Gleichaltrige zu unterstützen).

Ich bin Tony Jorm, emeritierter Professor der Universität Melbourne. Ich habe mich mit Möglichkeiten befasst, mehr Menschen zu einer frühzeitigen Intervention zu bewegen, um Mitmenschen mit psychischen Erkrankungen zu helfen. Ich habe wissenschaftliche Konsensmethoden untersucht und getestet und auch zur Erstellung von Leitlinien für psychische Erste Hilfe verwendet. Diese legen fest, was man sagen sollte und was nicht, wenn man einer Person mit einer psychischen Erkrankung beistehen will.

 

Ich heiße Betty Kitchener, bin ehemalige Lehrerin, Bildungsberaterin und Krankenschwester, die jahrelang Erste Hilfe beim Roten Kreuz unterrichtet hat. Seit meiner Jugend hatte ich unter schweren Depressionen zu leiden. Ich habe mich gefragt, ob meine Eltern und Lehrer mich in meiner Kindheit besser hätten unterstützen können, wenn sie diese Ausbildung gehabt hätten. Hätte eine bessere Unterstützung spätere Episoden in meinem Erwachsenenleben verhindern können? Vielleicht — aber ich halte mich nicht zu lange mit diesen Gedanken auf, denn der Umgang mit Depressionen und mein glückliches Leben mit meinem Mann haben geholfen, diese Ausbildung zu entwickeln, und machen mich zu einer kompetenten, einfühlsamen Botschafterin unseres evidenzbasierten Lehrplans.

 

Das Autorenpaar beim Abendessen in ihrem Club zum Jahreswechsel 2025, um das neue Rotary-Jahr zu feiern.

Foto: Betty Kitchener

Es ist sehr wahrscheinlich, dass jemand in Ihrem sozialen Umfeld an einer psychischen Erkrankung leidet – ein geliebter Mensch, eine Kollegin, ein Kollege, ein Nachbar. Denken Sie über die enorme Tragweite dieser beunruhigenden Zahl nach: In jedem beliebigen Jahr leidet schätzungsweise jeder fünfte Erwachsene in unserem Heimatland Australien an einer psychischen Erkrankung: einer klinischen Depression, einer stark beeinträchtigenden Angststörung oder einer Substanzabhängigkeit.

Die Prävalenz von Menschen mit psychischen Störungen in Kanada und den USA ist die gleiche: etwa 20 Prozent pro Jahr. Weltweit liegt die Zahl bei etwa 1 von 7 Menschen (die Statistiken können je nach den berücksichtigten Erkrankungen variieren). Damit sind psychische Erkrankungen weltweit eine der Hauptursachen für Gesundheitsprobleme. Besonders alarmierend hierbei: die steigende Zahl von Jugendlichen, die über eine schlechte psychische Gesundheit berichten (wobei die Zahlen aus solchen Ländern stammen, die zuverlässige Daten erheben - die Dunkelziffer in anderen Ländern könnte noch höher sein).

Das, was psychische Ersthelfer/innen auf der ganzen Welt lernen können, basiert auch und nicht zuletzt auf Initiativen von Rotary-Mitgliedern. Australian Rotary Health, das von Rotary-Distrikten im Land betrieben wird, gewährte uns eine Grant-Förderung für Studien darüber, was wir lehren sollten. Um den Lehrplan zu entwickeln, sammelten wir einvernehmliches Feedback von drei Expertengruppen: Fachleute für psychische Gesundheit, Menschen, die psychische Erkrankungen erlebt haben, und Menschen, die sich um andere mit diesen Gesundheitsproblemen kümmern. Wir legten den Gruppen eine umfassende Liste mit bestehenden Empfehlungen vor, wie man außerhalb einer Arztpraxis Hilfe leisten kann. Wir fragten diese Expertenkreise: Welche dieser Empfehlungen sind für Sie am wichtigsten, die hilfsbereite Mitmenschen wissen sollten? Mindestens 80 Prozent der Experten mussten sich auf jede Erste-Hilfe-Strategie einigen, die in unseren Kursen enthalten ist.

Überraschender Rat

Im Folgenden finden Sie einige Beispiele aus der Ausbildung in psychischer Erster Hilfe, die viele Menschen überraschen und die ohne die Recherche zu den Empfehlungen von Expertengruppen möglicherweise nicht in den Kursen enthalten wären:

  • Versuchen Sie nicht, das Problem sofort zu lösen und einer Person, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, ihre negativen Gedanken auszureden. Wenn Sie einer schwer depressiven Person sagen, sie solle den schönen Tag, ihre sichere finanzielle Lage und ihre Familie schätzen, verstärken Sie möglicherweise nur noch die Schuldgefühle, die sie ohnehin schon hat. Hören Sie wirklich zu und lassen Sie die Person über ihre Gefühle sprechen, ohne zu beurteilen.
  • Manchmal möchten Menschen mit Angstzuständen Aktivitäten vermeiden, die sie als stressig empfinden. Wenn Sie jedoch wiederholt zustimmen, mit der Person zu Hause zu bleiben oder die Person zu begleiten, können Sie damit ungewollt ihren Zustand verstärken. Unterstützen Sie eine Person mit Angstzuständen dabei, Wege zu finden, um allmählich mit ihrem Unbehagen umzugehen.
  • Wenn Sie den Verdacht haben, dass jemand darüber nachdenkt, ob die Welt ohne ihn besser dran wäre, fragen Sie klar und direkt: Denken Sie daran, sich das Leben zu nehmen? Es gibt Belege dafür, dass es hilfreich und nicht schädlich ist, nach Selbstmordgedanken zu fragen. Die Person mit Selbstmordgedanken wird sich wohler fühlen, darüber zu sprechen, wenn Sie direkt sind.
  • Wenn Menschen sich ohne Selbstmordabsichten selbst verletzen, widerstehen Sie dem natürlichen Impuls, das Gespräch auf die Beendigung der körperlichen Verletzungen zu konzentrieren. Experten raten durchweg dazu, nicht zu urteilen und sich darauf zu konzentrieren, die Notlage anzugehen, die die Person dazu treibt, sich selbst zu verletzen, beispielsweise durch Schnitte oder Verbrennungen.

Unser Team hat weitere Fördermittel von Australian Rotary Health erhalten, um die Forschung zu E-Learning-Kursen für Jugendliche zu unterstützen. Wir können gar nicht genug betonen, wie beeindruckt wir von den Rotary-Mitgliedern sind, die Gesundheitsforschung für so wichtig halten, dass sie Jahr für Jahr durch Veranstaltungen Spendensummen sammeln, um Forscher wie uns über Australian Rotary Health zu unterstützen. Wir waren so beeindruckt, dass wir Rotary beigetreten sind.

Sie können helfen

Zurück im Training: die Teilnehmenden schreiben, nachdem sie mehr über Depressionen gelernt haben, auf die Rückseite eine Reihe neuer Sätze darüber, was der „Kollege” mit Depressionen erlebt: Ich fühle mich hoffnungslos. Ich fühle mich hilflos. Ich bin nicht gut in diesem Job. Ich kann mich nicht konzentrieren. Diese Übung hilft Ersthelfern sehr dabei, zu verstehen, wie wichtig es ist, mit Menschen in Kontakt zu treten, ohne sie zu beurteilen.

Wenn Sie nun daran zweifeln, ob Sie sich jemals wohl dabei fühlen könnten, geschweige denn qualifiziert wären, jemandem zu helfen, der mit einer schweren psychischen Erkrankung zu kämpfen hat, können wir Sie beruhigen: Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit sind für jede Person geeignet. Ein Training bereitet Sie darauf vor, frühzeitig Hilfe für Menschen zu leisten, die unter Krisen wie Selbstmordgedanken oder Panikattacken, Realitätsverlust oder traumatischen Erlebnissen leiden. In manchen Situationen reicht die soziale Unterstützung durch den oder die Ersthelfer/in aus. Erste Hilfe für psychische Gesundheit ist kein Ersatz für professionelle Hilfe, aber diese erste Unterstützung ist besonders wichtig, wenn die Wartezeiten für einen Termin bei einem Spezialisten lang sind und die Kosten für psychologische Gesundheitsversorgung Menschen davon abhalten können, sich in Behandlung zu begeben.

Heutzutage werden von Arbeitgebern, Universitäten und anderen viele Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit angeboten. Mental Health First Aid International, die von uns gegründete gemeinnützige Organisation und Inhaberin der Urheberrechte am Lehrplan, hat mit verschiedenen Personenkreisen zusammengearbeitet, darunter Schuldenberatern, Anwälten, deren Mandanten eine Scheidung oder andere familiäre Probleme durchleben, und Mitarbeitern, die Sozialleistungen wie geförderten Wohnraum verwalten.

Erste-Hilfe-Leistende lernen, bei der Hilfe die Kultur einer Person zu berücksichtigen. Mental Health First Aid International hat zum Beispiel denselben konsensbasierten Forschungsansatz verwendet, um einen Lehrplan für Aborigines zu erstellen, und die gemeinnützigen Organisationen, die die Kurse in anderen Ländern durchführen, haben Richtlinien entwickelt, die für andere Gruppen oder Kulturen geeignet sind. Änderungen können die Bräuche und Terminologie einer Gruppe widerspiegeln oder Videos von Personen enthalten, mit denen sich die Lernenden identifizieren können. Es gibt zwar auch andere Programme, die vermitteln, wie man Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen kann, aber unser Engagement für höchste Forschungsstandards beim Lehrplan hebt Mental Health First Aid von anderen Programmen ab.

Diese Art der "Ersten Hilfe für die Psyche" ist nur ein Teil eines Puzzles, das dazu dient, Einzelpersonen zu helfen und, im weiteren Sinne, psychische Erkrankungen in der Gesellschaft zu reduzieren. Menschen sind oft mit einer Reihe von Risikofaktoren konfrontiert, die systemische Lösungen erfordern, und Mental Health First Aid macht auf wichtige Faktoren wie Diskriminierung, Armut, unzureichende Bildung und Obdachlosigkeit aufmerksam.

Bei der Entwicklung des Unterrichtsmodells haben wir uns an der Ausbildung in Erster Hilfe für körperliche Verletzungen orientiert. Diese basieren auf der kulturellen Norm, dass die meisten Menschen lernen möchten, wie sie jemandem mit einer Verletzung oder einem anderen Trauma helfen können. Viele Menschen besuchen Erste-Hilfe-Kurse einfach, um gute Bürger zu sein, andere, wie beispielsweise Pfadfinderleiter oder Sporttrainer, benötigen die Ausbildung für ihre Arbeit oder für verschiedene Arten der Interaktion mit Menschen.

Als wir Ende der 1990er Jahre bei unserem Spaziergang mit dem Hund diese Idee hatten, fragten wir uns: Warum gibt es keine ähnliche Erste Hilfe für Menschen, die Selbstmordgedanken haben, unter Panikattacken leiden, sich selbst verletzen oder unter einer der vielen verschiedenen psychischen Erkrankungen leiden?

Wir alle können Grundlagen lernen, wie zum Beispiel, wie man ohne Vorurteile zuhört. Dazu muss man kein Profi sein. Die Gesellschaft braucht zwar das hohe Fachwissen von Profis, aber jeder Mensch sollte über grundlegende Kompetenzen verfügen. Oft denken Menschen, dass die psychische Gesundheit anderer privat ist und sie sich nicht einmischen sollten. Wir sagen den Menschen das Gegenteil: Seien Sie aufmerksam und sprechen Sie offen über psychische Gesundheit. Schließlich ist meisents kein Psychologe zur Stelle, wenn ein Teenager zum ersten Mal den Mut aufbringt, zu reden. Dass er sich jeden Tag durchkämpfen muss, weil er wegen einer Trennung so deprimiert ist und unkontrollierbare dunkle Gedanken hat. Aber Sie könnten da sein.

Ein Gesundheitsfachmann wird nicht auf dem Golfplatz sein, wenn Ihr Spielpartner Ihnen erzählt, dass er sich niedergeschlagen fühlt, Streit mit seiner Familie hat oder realisiert, dass er sein zunehmendes Alkoholproblem nicht in den Griff bekommt.

Aber Sie könnten da sein. Und helfen.

Neben ihrer Arbeit zur Verbreitung von Mental Health First Aid sind Betty Kitchener und Tony Jorm Mitglieder des Rotary Clubs Coffs Harbour in Australien, wo sie mit Begeisterung am Verkauf von Büchern des Clubs mitwirken, dessen Erlös für die Verteilung von Kinderbüchern verwendet wird.

Aus: Rotary Januar 2026

Die Mitglieder der Rotary-Aktionsgruppe für psychische Gesundheit setzen sich dafür ein, die psychische Gesundheit von Menschen zu verbessern und Freundschaften aufzubauen.