Rotary-Special für einen kranken Vater

Dave Mars hatte ein Malerunternehmen in Los Angeles. Er war es, der meinen Vater 1982 fragte, ob er dem Rotary Club Wilshire beitreten wolle.

"Woher kanntest Du Dave Mars?", frage ich.

Mein Vater denkt eine Weile nach, doch er kommt nicht darauf. Meine Stiefmutter Jerri geht an den Aktenschrank im Büro neben ihrem Schlafzimmer und kommt mit einer Hand voll kleiner Rotary-Broschüren zurück. Jede enthält circa 30 Seiten mit Schwarz-Weiß-Fotografien von Männern in dem Club, mit Namen und Berufsbeschreibungen. Wir blättern durch die Broschüre von 1982 und finden hier auch in der Tat Dave Mars.

1982 war mein Vater Captain des Los Angeles Police Department. "Ich musste Mitglied in einem Service-Club sein", erzählt er mir. "Das war Voraussetzung". Dahinter steckte die Idee, dass wenn man die Menschen in der Gemeinde kannte, man auch schneller Probleme erkennen würde. Zudem war es eine gute Gelegenheit, um Leute kennenzulernen, die einem als Polizist bei der Lösung von Problemen helfen konnten. Mein Vater und ich haben in der Vergangenheit über die gewalttätigen Unruhen in L.A. gesprochen. Wir haben über die berühmten Mordfälle gesprochen, an denen er mitgearbeitet hat - Sharon Tate, Bobby Kennedy. Ich denke mir, dass es schön wäre zur Abwecshlung über etwas zu sprechen, das er mag. "Als Du das erste Mal zu Rotary gingst, gefiehl es Dir da?", frage ich. Er schüttelt kurz den Kopf. "Es war als ginge ich zum Treffen einer Verbindung, in der ich kein Mitglied bin."

Mein Vater war 50, als er dem Wilshire Rotary Club in Los Angeles beitrat. Ich war damals im zweiten Studienjahr. Er machte morgens täglich 100 Klimmzüge, 100 Liegestützen und mehr Situps, als es Sterne am Himmel gibt. Er legte Stunden auf seinem Laufband und dem stationären Fahrrad zurück. Heute bin ich 50 und mein Vater ist 82. Er sitzt im Rollstuhl aufgrund einer neurologischen Erkrankung namens progressive supranukleäre Blickparese. Es ist so ähnlich wie Parkinson, nur schlimmer. Seine Stimme ist, so wie alles andere, sehr schwach. Um ihn hören zu können, muss man sich genau konzentieren, sich ganz nah an ihn heran setzen, und zuhören. 

"Rotary wurde besser", sagt er. Es dauerte nicht lange, bis er Freunde fand – Russ Johnson und Mike Reed, Al Woodill und Ake Sandler. Damals hatte man nicht so viel Zeit für Freundschaften. Das Amt des Captains des Los Angeles Police Departments war keine Kleinigkeit. Mein Vater trug zwei Dienstpistolen unter seinem Anzugjacket. Er hatte eine großartige Frau, ein schönes Haus, zwei Töchter im College. Eine der überraschend angenehmen Anforderungen des Service-Clubs war es, dass er einmal pro Woche an einem netten Mittagessen im Ambassador Hotel mit Leuten teilnahm, die er mochte. Er wurde ein Mitglied der Verbindung.

Ich beginne, durch die Broschüren des Wilshire Clubs aus anderen Jahren zu blättern, die auf dem Küchentisch liegen. Ich finde Frank Patchett. Zudem fällt mir auf, dass es sich Jahr für Jahr um eine reine Männergruppe handelt. Ich bemerke das. "Eine Frau konnte ein Meeting als Gast besuchen", erinnert sich mein Vater. "Wenn sie dann an einen Tisch ging und fragte, ob sie sich setzen könne, war die Antwort in der Hälfte der Fälle nein. Wenn sie nicht fragte und sich einfach setzte, standen die Jungs auf und setzten sich an einen anderen Tisch."

In Los Angeles? In den 80er Jahren?

"In den späten 80ern", sagt mein Vater. "Unser erstes weibliches Mitglied trat 1989 bei". 1992 wurd er Präsident des Wilshire Rotary Clubs. Eines der Clubmitglieder sagte zu ihm: "Wenn Du noch ein weibliches Mitglied zulässt, trete ich aus." Mein Vater bat ihn um seinen Austritt. Während seiner Amtszeit als Clubpräsident nahm der Club zwei weitere weibliche Mitglieder auf.

"Er dachte an Euch beide", sagt Jerri und meint damit mich und meine Schwester. Sie streichelt meine Hand, etwas, das mein Vater nicht mehr tun kann.

Mein Vater wollte, dass meine Schwester und ich in einer Welt leben, in der Frauen sicher sind, gleiche Berufschancen haben und sich bei einem Service-Club-Treffen an einen Tisch setzen konnten, ohne dass die Männer aufstehen. Alles in allem hat er meiner Meinung nach einen ausgezeichneten Job gemacht. Meine Schwester Heather trat Rotary 1992 in Mankato, Minnesota, bei. Sie sagt, dass ihre Tochter Lauren das erste Baby war, das in ihrem Club geboren wurde.  Als sie nach South Carolina zog, wurde sie wieder Mitglied bei Rotary und als sie nach Ost-Tennessee zog, trat sie dem Rotary Club Greeneville bei.

1999 gingen mein Vater und meine Stiefmutter in Rente und zogen von Los Angeles nach Fallbrook, Kalifornien, eine ländliche Gemeinde, zwei Stunden südlich von der Stadt. Die einzigen Leute, die sie dort kannten, waren Mike und Beth Reed, die sich vor ihnen in Fallbrook niedergelassen hatten. Mike und mein Vater sind Freunde durch den Wilshire Rotary Club.

"Ich erinnere mich noch, wie sie uns zu ihrer Weihnachtsfeier einluden", sagt Jerri. "Es war unsere erste Einladung in Fallbrook. Wir freuten uns so über die Einladung, auch wenn wir niemanden kannten". Kurz darauf lud Mike Papa dazu ein, Mitglied im Rotary Club Fallbrook zu werden.

Ich frage meinen Vater nach den Unterschieden in den beiden Clubs. "Ich erinnere mich nicht daran, dass wir im Wilshire Club je Dienstprojekte organisiert hätten", sagt er. Ich weise ihn darauf hin, dass der Club in Los Angeles 1982 nur aus Männern wie ihm bestand, die keine Zeit hatten, Häuser von armen Familien anzustreichen oder Müll am Straßenrand aufzusammeln - Dinge, die sich der Rotary Club Fallbrook mit seinen vielen gesunden Mitgliedern im Ruhestand als Prioritäten gesetzt hat. Einmal pro Jahr veranstalten die Mitglieder ein riesiges Hummer-Essen, um damit die Mittel für ihre Projekte zu sammeln.

Rotary, das damals in Los Angeles in der geschäftigsten Phase seines Lebens auf die beruflichen Verpflichtungen meines Vaters einging, geht heute auf sehr viel grundlegender Weise auf seine Bedürfnisse ein. Jeden Donnerstag fährt ihn Jerri ins Grand Tradition in Fallbrook, einem noblen Event-Center mit gutem Restaurant. An jedem Tisch winken ihn Mitglieder zu sich heran, während Jerri ihn durch den Raum schiebt. Papas Freundin Connie Fish, eine der ersten Frauen im Rotary Club Fallbrook, holt ihm sein Essen und füttert ihn, es sei denn, jemand anderes bittet darum, diese Aufgabe zu übernehmen.

Im Januar diesen Jahres verstarb völlig überraschend Bill, der Mann meiner Schwester. Für uns alle, die ihn so sehr liebten, war dies ein untröstlicher Verlust. Da mein Vater nicht reisen konnte blieben er und Jerri in Kalifornien. Es brach ihnen das Herz, dass sie so weit von meiner Schwester entfernt waren. Sie gingen in dieser Woche jedoch wieder in den Rotary Club und als sie ihren Freunden erzählten, was passiert war, begannen ihre Freunde zu beten, auch in den darauffolgenden Wochen. Die Mitglieder des Clubs schickten Karten und sie spendeten Geld an die Wohltätigkeitsorganisation, die meine Schwester ausgesucht hatte. Sie standen meinem Vater und Jerri bei.

Ich war bei meiner Schwester in Tennessee und stand neben ihr, als die Gäste ihr nach der Beerdigung kondolierten. Eine fremde Person nach der anderen schüttelte auch mir die Hand und sie sagten "ich kenne Ihre Schwester aus Rotary."

Ich bin begeistert davon, dass Rotary International solch große Fortschritte im Kampf gegen die Kinderlähmung macht, doch ich muss sagen, dass Rotary einen Dienst bietet, der zu unbeschreiblich ist, um ihn in einem Slogan auszudrücken. Rotary ist eine Quelle der Freundschaft. Und wenn man etwas braucht, das noch tiefer geht als Freundschaft, dann ist es wie eine Familie. Die globalen Einsätze und das Mittagessen jeden Donnerstag gehen Hand in Hand, genauso wie der Austausch unter Geschäftsleuten und das Essen, das einem von einem Freund an den Tisch getragen wird.

Und das finde ich die größte Errungenschaft von allen.

Aus The Rotarian, Mai 2014. 

5-May-2014
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