Eine Debatte über Ethik

Brad Chick, Jury-Mitglied beim "Big Ethical Question Slam" und Ehemann einer Rotarierin geht seine Ergebnisse durch.
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Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie kümmern sich um ein hungerndes kleines Mädchen, doch Sie können es sich nicht leisten, ihr Essen zu kaufen. Was tun Sie? Stehlen Sie das Essen oder halten Sie sich an das Gesetz und lassen das Mädchen verhungern?

Viele Menschen vermeiden es, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Eine Nonprofit-Organisation in Michigan, USA, und die Rotarier, die diese unterstützen, nehmen sich jedoch solcher Fragen an. Und das in ganz ungezwungenem Rahmen.

Ziel der Organisation A2Ethics ist es, ethisches Verhalten durch Aufklärung, soziales Networking und Events zu fördern. Im Februar fand in einem Irish Pub in Ann Arbor (daher der Name A2) zum dritten Mal die jährliche Veranstaltung "Big Ethical Question Slam" statt. Zu den Teilnehmern zählten Studenten, Rentner, Berufstätige und Akademiker, die sich bei einem Glas Bier mit schwierigen ethischen Fragen auseinandersetzten.

Bei der Veranstaltung - einer Mischung aus Ratespiel und Poetry Slam - beantworten Teams hypothetische Fragen wie: "Wie lassen sich ethische Dilemmas quantifizieren?", "Können gedopte Sportler wie Lance Armstrong sich in ihre alten Rollen zurückfinden" oder "Sollten Dronen-Kriege aus moralischen Gründen verboten werden?". Eine dreiköpfige Jury rezensiert die zweiminütigen Antworten der Teams und auch das circa 75-köpfige Publikum darf seine Bewertung abgeben. 

Auch an diesem verschneiten Donnerstagabend ist die Stimmung wieder gut im Pub. Die Leute tauschen leise Gedanken aus, während sie sich Notizen aufschreiben. Erin Mattimoe, Vorstandsmitglied bei A2Ethics, liest eine der Fragen vor, die anonym über die Website der Organisation eingereicht wurde: "Ist es während einer Wahl unethisch, einen Kandidaten zu wählen, den Du für unqualifiziert hälst, mit dem Du in einem Kernpunkt jedoch übereinstimmst?"

Teri Turner geht ans Mikrofon. Sie spricht im Namen des Teams aus Mitarbeitern des Zentrums für Bioethik und Sozialwissenschaften in der Medizin an der University of Michigan Medical School. "Ich würde sagen, dass es nicht unethisch ist, aufgrund eines Kernpunktes für einen Kandidaten zu stimmen. Wäre ich zum Beispiel Pazifistin und ich will nicht, dass meine Kinder in den Krieg ziehen, dann ist ein Kandidat, der vielleicht ansonsten nicht geeignet für mich scheint, dennoch der Richtige, wenn er gegen den Krieg ist."

Eine gute Antwort findet Jury-Mitglied Peter Jacobson, ein Professor für Gesundheitsgesetzgebung an der University of Michigan und Direktor des Center for Law, Ethics, and Health an der School of Public Health. "Ich habe mein ganzes Leben lang stets für das geringere Übel gestimmt".

Die Teams haben die unterschiedlichsten Hintergründe. "Der Slam gibt Leuten, die verschiedenen Berufen und Organisationen angehören, die Möglichkeit, zusammenzukommen und in einem lockeren Rahmen gemeinsam zu diskutieren", so Jeanine DeLay, Präsidentin von A2Ethics. "Wir geben Menschen, wie Rotariern, die in ihren Gemeinwesen helfen und sich für ethisches Verhalten und mitbürgerliches Engagement einsetzen, die Chance, einander kennenzulernen."

Aus The Rotarian, August 2013

24-Jan-2014
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