Der Gründer von Rotary

Eines Tages im Herbst des Jahres 1900 traf Paul P. Harris den Anwalt Bob Frank zum Abendessen in einem betuchten Viertel auf der Nordseite von Chicago. Sie spazierten ein wenig herum und besuchten einige Geschäfte des Viertels. Dabei war Harris beeindruckt, mit wie vielen Ladenbesitzern Bob Frank freundschaftliche Beziehungen führte.

Seit er seine Anwaltpraxis in Chicago eröffnet hatte, vermisste Paul Harris diese Art freundschaftlichen Umgangs, den Frank pflegte. Er fragte sich, ob es einen Weg gäbe, diese Art von Kameradschaft, die er aus Vermont kannte, wo er aufgewachsen war, einzufangen und zu erweitern. Harris überzeugte schließlich andere Geschäftsleute davon ,sich zu treffen und die Gründung eines Clubs zu diskutieren, der dem Handel, dem Gemeinwesen und der Freundschaft dienen sollte. Damit war der Grundstein für das heutige Rotary gelegt.

"Es ging mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass ich meine Erfahrung mit Hunderten, vielleicht Tausenden in der großen Stadt teilte (…) Mit Sicherheit musste es andere junge Männer geben, die von Höfen und Dörfern kamen, um sich in Chicago zu etablieren (...) Warum sollten sie nicht einfach zusammen gebracht werden? Wenn anderen die Freundschaft so fehlte wie mir, dann müsste daraus doch etwas werden".

Paul Harris als Dreijähriger; in diesem Alter nahmen ihn seine Großeltern auf.

Kindheit und Jugend

Paul P. Harris wurde als Sohn von George H. und Cornelia Bryan Harris am 19. April 1868 in Racine, Wisconsin, geboren. Vater George versuchte, die Familie als Kleinunternehmer durchzubringen, war aber oft auf die finanzielle Unterstützung seines Vaters angewiesen -- so sehr, dass im Juli 1871 der kleine Paul und sein Bruder Cecil zu den Großeltern nach Wallingford, Vermont geschickt wurden, um dort aufzuwachsen. Paul Harris schrieb später: “Bei allen Vorwürfen, die man George und Cornelia machen könnte, eines konnte man ihnen nicht vorwerfen: Sparsamkeit. Sie waren beide großartig im Geldausgeben."

Paul Harris, der Gründer von Rotary, als Student an der University of Vermont in Burlington, 1886

Paul wurde von den Großeltern aufzezogen und sah seine Eltern nur einige wenige Male, wenn diese versuchten, die Familie wieder zusammen zu bringen. Er wuchs auf, um die Familienwerte zu verehren, die das Neuengland seiner Jugend charkterisierten. Im Oktober 1928, als er zur Neugründung des Rotary Club of Wallingford an den Ort seiner Jugend zurückkehrte, verkündete er: “Vieles im heutigen Rotary kann auf den guten, alten, neuenglischen Familientisch zurück geführt werden." 

Paul war als Kind ein Spitzbube. Er besuchte die Grundschule in Wallingford und die Oberschule in Rutland, wo er oft Streiche spielte und die Schule schwänzte. Er besuchte auch die Black River Academy in Ludlow, wurde aber bereits nach einigen Wochen wieder hinausgeworfen. Zum Studium schrieb sich Harris an der University of Vermont in Burlington ein. Im Dezember 1886 wurden er und drei andere Studenten für ihre subversiven Tätigkeiten (sie hatten eine Untergrundgesellschaft gegründet) der Universität verwiesen. Er schrieb später, dass, obwohl  ihn in Bezug auf die Tatvorwüfe keine Schuld traf, der Hinauswurf letztlich durchaus gerechtfertigt war.

Paul Harris verbrachte den Frühling mit einem Privatlehrer, und im Herbst 1887 nahm er seine Studien an der Princeton University auf. Diesmal wurde seine Studienzeit durch den Tod seines Großvaters im März 1888 unterbrochen. Obwohl Harris das Semester abschloss, kehrte er im folgenden Studienjahr nicht an die Universität zurück.

Leben in Chicago

Nach seiner Ankunft in Chicago 1896 begann Paul Harris, als Anwalt zu arbeiten.

Nach Princeton siedelte Harris nach Iowa über, um eine Tätigkeit in den Diensten der Anwaltspraxis St. John, Stevenson, and Whisenand in Des Moines, Iowa aufzunehmen. Nach seiner Lehrzeit ging er an die University of Iowa in Iowa City und schloss schließlich im Juni 1891 mit einem Bachelor of Laws ab.

1896 ließ sich Harris in Chicago nieder, wo er eine Anwaltspraxis im zentralen Geschäftsviertel eröffnete. In der einen oder anderen Funktion blieb er seinem Beruf für über vier Jahrzehnte treu, selbst nach seiner Pensionierung.

Paul Harris suchte unentwegt, neben seinen Geschäftsleistungen und -kontakten auch persönliche und sprituelle Beziehungen zu erweitern. Er besuchte üblicherweise Gottesdienste am Sonntag, jedoch in vielen verschiedenen Kirchen, und fühlte sich keiner Gemeinde exklusiv zugehörig. Später im Leben bezeichnete er seine religiöse Zugehörigkeit als schwierig zu beschreiben - so wie er selbst schwierig zu beschreiben sei. “Ich besitze keine wirkliche Kirchenzugehörigkeit ... Ich bin nicht einfach zu klassifizieren. Das soll heißen, dass meine Überzeugungen nicht von der definitiven Natur sind, die für eine ernsthafte Verbindung mit den allgemeinen Kirchen notwendig sind. ... Natürlich kann man heutzutage die besten Predigten im Radio hören, und ich höre mir in der Regel jeden Sonntag drei bis vier an.”

Harris liebte die Natur. 1908 trat er einer neuen Gruppe bei, die jeden Monat an einem Samstagnachmittag Wanderungen in den Wäldern, Feldern, Bergen und Tälern im Umland organisierte. 1911 wurde die Gruppe zum Prairie Club, und Harris diente in dessen Vorstand.

Die Geburtsstunde von Rotary

Nachdem er seine Praxis in Chicago etabliert hatte, verfolgte Paul Harris die Idee einer Organisation von lokalen Geschäftsleuten, die sich zur Zusammenarbeit und zum freundschaftlichen Beisammensein trafen. Am 23. Februar 1905 kam er mit Gustavus Loehr, Silvester Schiele und Hiram Shorey in den Büroräumen von Gustavus Loehr im Zimmer 711 des Unity Buildings in Downtown Chicago zusammen, um die Idee einer neuen Organisation zu diskutieren. Dieses Treffen sollte später als das erste Rotary Club-Treffen angesehen werden.

Im Februar 1907 wurde Harris als dritter Präsident des Rotary Clubs Chicago gewählt. Er führte dieses Amt bis zum Herbst 1908 aus. Während seiner Präsidentschaft formte er den Exekutivausschuss (Executive Committee, später Ways and Means Committee), welcher in der Mittagspause zusammentrat und jedem Clubmitglied offenstand. Dieses Mittagstreffen begründete die Tradition von Rotary, sich mittags zu treffen.

Gegen Ende seiner Amtszeit setzte sich Harris für die Ausbreitung von Rotary außerhalb von Chicago ein. Einige Clubmitglieder leisteten diesem Vorhaben zunächst Widerstand, weil sie nicht die damit verbundenen zusätzlichen Kosten übernehmen wollten. Harris und andere Rotarier setzten sich aber schließlich durch und bis 1910 hatte sich Rotary auch in anderen amerikanischen Großstädten etabliert.

Paul Harris erkannte nun die Notwendigkeit, einen Vorstand und eine nationale Vereinigung zu schaffen. Im August 1910 fand die erste nationale Versammlung von Rotary in Chicago statt. Die damals bestehenden 16 Clubs taten sich zur National Association of Rotary Clubs zusammen und wählten Paul Harris einstimmig als ihren Präsidenten.

Zum Ende seiner zweiten Amtszeit trat Harris aus gesundheitlichen, beruflichen und persönlichen Gründen zurück. Er wurde daraufhin durch die Convention als Präsident emeritus berufen und behielt diesen Titel bis zu seinem Tode.

Mitte der 1920er Jahre wurde Paul Harris wieder aktiv bei Rotary und besuchte Conventions und Clubs in aller Welt. Redensammlung von Paul Harris herunterladen.

Jean Harris ca. 1926-28.

Das Leben mit Jean

Harris lernte Jean Thomson, die in Schottland geborene Tochter von John und Ann Younson Thomson, während eines Ausflugs des späteren Prairie Clubs kennen.

"An einem schönen Samstag im März 1910 bestiegen meine Wanderclubfreunde und ich die West-Bahn über Elgin und Aurora. Ich war Junggeselle und der Frage der Ehe gegenüber durchaus aufgeschlossen. Damit will ich sagen, dass ich mich nie den Möglichkeiten des Eheglücks verschlossen hatte ... und da kam sie ins Spiel ... meine lustige, schöne Jean".

Nach einer kurzen Zeit des Kennenlernens fand die Hochzeit am 2. Juli 1910 in Chicago statt. 1912 kauften die beiden ein zwei Jahre altes Haus am Longwood Drive in Morgan Park, zu jener Zeit einem Vorort von Chicago. Das Ehepaar taufte das Haus Comely Bank, nach einer Straße in Edinburgh, in der Jean als Kind gelebt hatte. Sie hatten Freunde aus Chicago und aller Welt zu Besuch und öffneten ihre Türen auch für Treffen und Zusammenkünfte des Rotary Clubs Chicago. Je nach Wetter fanden viele der Geselligkeiten auch in ihrem Garten statt, den sie "Garten der Freundschaft" ("Garden of Friendship" oder "Friendship Garden" ) nannten.

Paul und Jean Harris in Christchurch, Neuseeland, im April 1935.

Das Ehepaar hatte keine Kinder, und Jean begleitete Paul oft auf seinen Reisen zu Rotary Clubs in aller Welt. Nach seinem Tod lebte Jean zunächst noch eine Weile in Comely Bank, bevor sie das Haus verkaufte und 1955 in ihre Heimatstadt Edinburgh zurückkehrte. Dort starb sie 1963.

Comely Bank wurde 2005 von der Paul and Jean Harris Home Foundation gekauft, die plant, es zu renovieren und in ein Museum zu verwandeln. Erfahren Sie, wie Sie das Projekt unterstützen können.

Aus der Feder von Paul Harris

Im Januar 1911 wollte Paul Harris eine besondere Botschaft an alle Rotarier verfassen, doch verfügte Rotary zur damaligen Zeit noch über kein Kommunikationsmittel, um alle Rotarier zu erreichen. Chesley R. Perry, der erste Generalsekretär von Rotary, schlug daraufhin eine Publikation zur Verbreitung von Clubnachrichten vor, die sich durch Inserate selbst tragen sollte. So wurde die Zeitschrift National Rotarian, später umbenannt in The Rotarian, geboren, und Paul Harris' Essay “Rational Rotarianism” war der Aufmacher der ersten Ausgabe. Die Ausgabe vom Februar 1915 von The Rotarian enthielt den Artikel “Passing Our Tenth Milestone”, einen Tribut von Paul Harris zum 10. Jubiläum der Organisation.

In seinem Buch “This Rotarian Age” (1935) untersuchte Harris die Frage, warum Menschen Gutes tun und stellte das Chicago von 1905 als einen Ort vor, der "reif" für Veränderungen im Sinne von Rotary war. Zudem äußert er sich darin zu den zukünftigen Herausforderungen von Rotary und zum Potential der Organisation, zum Weltfrieden beizutragen.

1935 reisten Paul und Jean Harris für drei Monate durch Südostasien und Australien. Paul wollte seine Reiseerfahrungen als Buch veröffentlichen und später zu einer Serie erweitern. Er betitelte die Serie Peregrinations (Wanderungen), weil dies nach seiner Ansicht seinen Reisen als Botschafter von Rotary am besten gerecht wurde. Die Südostasien-Reisechronik wurde zu Peregrinations II (1935), weil er die eher lose angesammelten Berichte über seine Reisen nach Europa und Südafrika als Peregrinations I zusammenfassen wollte. Er verfasste 1937 Peregrinations III über die Reisen nach Mittel- und Südamerika, doch Band I der Peregrinations wurde nie vollendet.

Ende einer Ära

Der Grabstein von Paul Harris auf dem Friedhof Mount Hope auf der Südseite von Chicago. Silvester Schiele, der erste Präsident des Rotary Clubs Chicago, ist nur wenige Schritte entfernt beerdigt. Jean Harris wurde in ihrer Heimat Schottland bestattet.

Im Dezember 1945 reiste das Ehepaar Harris für die Wintermonate nach Tuskegee, Alabama, eine Reise, die sie bereits viele Male vorher gemacht hatten. Im Frühjahr 1946 erkrankte Harris an der Grippe. Chesley R. Perry, Mitglied des RC Chicago und Generalsekretär von 1910 bis 1942, besuchte ihn und berichtete, dass Harris gute medizinische Pflege erhielt, aber dennoch sehr schwach sei: "Er hatte es schon viele Jahre auf der Lunge. Und er bekam nicht genug Schlaf und keine anständige Ernährung." Das Ehepaar Harris kehrte erst am 28. März 1946 nach Chicago zurück.

Paul Harris starb am 27. Januar 1947 in Chicago im Alter von 78 Jahren nach langer Krankheit. Die Beerdigung fand in der Morgan Park Congregational Church statt. Drei Rotarier hielten die Trauerreden: Perry, Past RI Präsident T.A. Warren und der dann amtierende RI Präsident Richard Hedke. Past Präsidenten des Rotary Clubs Chicago dienten als Sargträger . Niederschrift der Trauerreden.

Harris hatte verfügt, dass er anstatt Blumen und Trauerbezeugungen Spenden an die Rotary Foundation in seinem Angedenken bevorzugen würde. Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte die Rotary-Führung die Organisation erneut verpflichtet, in größerem Umfang Spenden zu sammeln. Auf die Nachricht von seinem Ableben hin wurde der Paul Harris Memorial Fund eingerichtet, um die Spenden zu sammeln. Der Paul Harris Memorial Fund wurde zweckbestimmt für die Etablierung der "Rotary Foundation Fellowships for advanced study", also für die Vergabe von Stipendien.Auf dem Treffen im Mai/Juni 1947 wies der Board of Directors 60.000 Dollar der für das Programm gesammelten 228.000 Dollar zu. Während des ersten Jahres war das Programm bekannt unter dem Namen "Paul Harris Foundation Fellowships for advanced study".

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