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Hinter den Kulissen der Polio-Ausrottung

Die National Advocacy Advisers von Rotary stellen Polio ins internationale Rampenlicht. Aber wie genau schaffen sie das?

Auf der Rotary International Convention in Atlanta im Juni waren Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt anwesend, um ihre historische Spendenzusage in Höhe von 1,2 Milliarden US-Dollar zur Finanzierung der Ausrottung der Kinderlähmung offiziell zu bekräftigen. Dies war ein großer Moment für die Initiative zur Polio-Ausrottung. Aber wie ist es dazu gekommen?

Eine Gruppe von Rotary-Mitgliedern hat hinter den Kulissen hart und ehrenamtlich dafür gearbeitet: unsere PolioPlus National Advocacy Advisers. Dieses Team von Rotariern aus den Geberländern hat die Aufgabe, die Ausrottung der Kinderlähmung immer wieder auf die globale Agenda zu setzen. In den Fluren von Regierungsorganisationen und Ministerien netzwerken sie unermüdlich – verabreden sich mit Beamten zum Arbeitsessen, telefonieren mit Ministern – um Geld zu sammeln und Unterstützung für die Ausrottung der Krankheit zu gewinnen.

Und sie waren erfolgreich: Seit Rotarys Advocacy-Programm 1995 begann, konnten über 8 Milliarden US-Dollar für die Polio-Ausrottung aufgebracht werden. Die Vereinigten Staaten sind der größte Geber aus dem öffentlichen Sektor mit Beiträgen von insgesamt 3 Milliarden US-Dollar einschließlich des Geschäftsjahres 2017; dies gelang zum großen Teil dank der Führung von Past RI Präsident James L. Lacy und Mitgliedern der Polio Eradication Advocacy Task Force für die USA. Aber auch Ihre Advocacy-Kollegen in anderen Ländern haben bemerkenswerte Arbeit geleistet.

„Den National Advocacy Advisers gelingt es immer, den Kontakt zu den richtigen Leuten auf Regierungsebene herzustellen und wichtige Meetings zu arrangieren“, sagt Michael K. McGovern, Vorsitzender des internationalen PolioPlus-Komitees. „Egal, welche politische Partei gerade die Regierung stellt – die Rotarier sind allen bekannt und werden respektiert.“ 

In diesem Jahr war das allgemeine Einwerben von Spendenzusagen nicht die einzige Priorität. In Zusammenarbeit mit unseren Partnern der Global Polio Eradication Initiative hatten die Advocacy Advisers das ehrgeizige Ziel, die mächtigsten Nationen der Welt dazu zu bewegen, sich zur Bekämpfung der Kinderlähmung zu verpflichten. Als beispiellosen politischen Erfolg werteten die Advisers, dass sowohl die Gesundheitsminister als auch die Staatsoberhäupter der G20-Länder sich dazu bereiterklärten, unsere Arbeit zu Ende zu führen und Polio auszurotten. (Die G20 sind ein Zusammenschluss von Entwicklungs- und Schwellenländern, die gemeinsam 85 Prozent der Weltwirtschaft repräsentieren.)

Der Aufruf von Rotary, die Kinderlähmung auszurotten, wird von den wichtigsten Entscheidungsträgern gehört. Wie haben unsere nationalen Advocacy Advisers das erreicht? Wir haben mit drei von ihnen gesprochen, um herauszufinden, was sie auf dem Weg zu ihren letzten Erfolgen alles getan haben.

 

Treffen Sie drei Rotarier, die Polio auf die globale Agenda setzen


 

Gianni Jandolo

Rotary Club: Adda Lodigiano, Italien

Berufliche Erfahrung: Headhunter für IT-Unternehmen

Erfahrung bezüglich Polio-Initiative: Über fünf Jahre National Advocacy Adviser für Italien

Über Advocacy: „Es ist nicht genug, leidenschaftlich zu sein. Sie müssen die Stakeholder kennen, welche Interessen sie verfolgen und auch welche inoffiziellen Pläne sie haben. Man muss verhandeln, überreden können, diplomatisch zu sein.“

 

April

Gianni Jandolo vertritt Rotary auf dem C7-Treffen. Er widmet einen Großteil seiner zwei Tage in Rom dem persönlichen Gespräch mit den anderen Teilnehmern, insbesondere denjenigen, die sich für Gesundheit interessieren. Er argumentiert, dass sich die G7 bereits für die Ausrottung der Kinderlähmung eingesetzt habe und dass die Aufgabe nun zu Ende gebracht werden müsse. Daraufhin schließt die C7 zum ersten Mal die Polio-Ausrottung in ihre politischen Empfehlungen ein.

„Die C7 begann zu verstehen, dass Rotary zu den Akteuren der Zivilgesellschaft gehört. Das ist eine gute Sache.“

Mai

Jandolo trifft sich mit Francesco Aureli, Berater des diplomatischen Teams für Gesundheitsfragen, um ihn um Unterstützung für die Ausrottung von Polio beim bevorstehenden Treffen der G7 zu bitten. Jandolo und Aureli trafen sich im Juli 2016 zum ersten Mal beim Mittagessen in Rom und haben einen freundschaftlichen Kontakt aufgebaut.

  • Wichtige Gruppen

    Group of Seven (G7): Ein informeller Zusammenschluss von sieben demokratischen Industriestaaten: Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Großbritannien und den Vereinigten Staaten.

    C7: Ein Treffen zivilgesellschaftlicher Organisationen, das jedes Jahr vor dem G7-Gipfel stattfindet.

    Group of 20 (G20): Zusammenschluss von Industrie- und Schwellenländern sowie der Europäischen Union.

    C20: Ein Treffen zivilgesellschaftlicher Organisationen, das vor dem G20-Gipfel stattfindet.

    Weltgesundheitsversammlung (World Health Assembly): Ein einwöchiges Treffen der UN-Gesundheitsminister, das jeden Mai in Genf stattfindet, um die Ausrichtung der Weltgesundheitsorganisation festzulegen.

Juni

Italien sagt 5 Millionen US-Dollar für die Polio-Ausrottung zu. Rotary sendet ein Dankesschreiben, in dem das Land aufgefordert wird, die Ausrottung der Kinderlähmung in die Erklärung der Staats- und Regierungschefs auf dem G20-Treffen aufzunehmen.

Jandolo vertritt Rotary auf dem C20-Treffen in Hamburg. Thiemo Steinrücken, ein Mitglied des deutschen diplomatischen Teams, sieht Jandolos EndPolioNow-Anstecker und sagt lächelnd zu ihm: „Ich nehme an, Sie gehören zu Rotary International und werden über Kinderlähmung sprechen!“ Leider hat es die Polio-Ausrottung in diesem Jahr nicht auf die Liste der C20-Empfehlungen geschafft.

Rotary, die Bill & Melinda Gates Foundation und Vertreter wichtiger Geberländer kündigen auf der Rotary Convention in Atlanta neue Spendenzusagen in Höhe von 1,2 Milliarden US-Dollar für die Ausrottung von Polio an.


 

Judith Diment

Rotary Club: Maidenhead Thames, England

Berufliche Erfahrung: Leitet eine PR- und Event-Planungsfirma 

Erfahrung bezüglich Polio-Initiative: Baut seit 1996 in ihrem Land die Rotary Advocacy für die Polio-Ausrottung mit auf - zunächst als bezahlte Beraterin und später als National Advocacy Adviser, eine Position, die sie seit 2010 innehat. Sie ist Koordinatorin des Global Team of Advisers.

Über Advocacy: „Wenn ich mich mit einem Minister treffe, sage ich immer, dass ich ehrenamtlich arbeite. Ich habe den Eindruck, das erstaunt sie, dass wir das ohne Bezahlung tun.“

Februar

Am 23. Februar - dem Jahrestag von Rotary - organisiert Diment einen Empfang im britischen Unterhaus in London, um das hundertjährige Jubiläum der Rotary Foundation zu feiern und die Teilnehmer über die Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung zu informieren. Zu den 100 Gästen gehören Abgeordnete des Unter- und des Oberhauses, Botschafter und Hochkommissare aus Ländern, in denen Maßnahmen zur Ausrottung von Kinderlähmung laufen, sowie Großspender der Polio-Eradikation-Initiative.

„Ich arbeite seit über 20 Jahren für die Polio Advocacy, deshalb kenne ich mich im Parlament aus. Ich bin gut vernetzt.“

Mai

Judith Diment trifft sich im britischen Kabinett mit Heulwen Philpot, einem Mitglied des britischen diplomatischen Teams. Sie fordert Philpot auf, Polio auf das G7-Kommuniqué zu setzen, eine Liste unverbindlicher Zusagen der teilnehmenden Regierungen.

Im selben Monat etwas später hält Diment bei der Weltgesundheitsversammlung vor Gesundheitsministern aus allen UN-Mitgliedstaaten eine dreiminütige Rede über die Ausrottung der Kinderlähmung. Sie erhält dieses Privileg aufgrund des beratenden Status von Rotary bei der Weltgesundheitsorganisation.

Angesichts der Regierungswechsel in vier der sieben Länder prognostizierte ein Staatsoberhaupt, dass dies „der schwierigste G7-Gipfel seit Jahren“ sein würde. Hatte die Polio-Ausrottung im G7-Kommuniqué in der Vergangenheit Erwähnung gefunden, so wurde sie in die Erklärung für 2017, in der es um Themen wie Flüchtlinge und Klimawandel ging, nicht aufgenommen.

Juni

In den Wochen vor den Wahlen in Großbritannien im Juni haben britische Regierungsvertreter Entscheidungen über öffentliche Ausgaben ausgesetzt und konnten bei der Rotary Convention keine finanzielle Zusage für die Ausrottung der Kinderlähmung zusammen mit den anderen Gebern bekannt geben. Diment emailt Ministerpräsidentin Theresa May, die sie seit mehr als 20 Jahren aus der Lokalpolitik kennt, um sie über die finanziellen Zusagen zu informieren, die auf der Convention gemacht wurden.

August

Die britische Staatssekretärin für internationale Entwicklung, Priti Patel, gibt eine Spendenzusage Großbritanniens von 100 Millionen Pfund Sterling bekannt. Damit beläuft sich der weltweit zugesagte Betrag auf 1,3 Milliarden US-Dollar. In der nächsten Woche trifft Diment Staatssekretärin Patel, um ihr zu danken. Diment bittet die Mitglieder britischer Rotary Clubs, ihren Parlamentsabgeordneten zu schreiben und ihnen für die Spendenzusage zu danken sowie sie zu Veranstaltungen zum World Polio Day im Oktober einzuladen.

„Es ist ein kontinuierlicher Dialog mit allen Zielgruppen, die man beeinflussen muss.“ 

Marcelo Haick

Rotary Club: Santos-Praia, Brasilien 

Berufliche Erfahrung: Arzt für Arbeitsmedizin 

Erfahrung bezüglich Polio-Initiative: Neben seiner Funktion als National Advocacy Adviser für Brasilien, die er seit 2014 innehat, vertritt Haick Rotary im brasilianischen Polio Eradication Committee und ist ein End Polio Now Zone Coordinator.

Über Advocacy: „Für Advocacy muss man proaktiv und einflussreich sein. Natürlich ist es immer gut, wenn noch eine Portion Glück dazukommt – dann macht es richtig Spaß.“

Februar

Brasiliens neu ernannter Außenminister, Norberto Moretti, ist im diplomatischen Team der G20. Mithilfe eines Kongressabgeordneten aus São Paulo, João Paulo Tavares Papa, kann Haick ein Treffen mit Moretti arrangieren. Bei dem Treffen erzählt Marise Ribeiro Nogueira, eine medizinische Beraterin des Außenministers, dass sie vor 20 Jahren eine Rotary-Stipendiatin war.

„Sie wurde unsere Verbündete im Ministerium.“

April

Ricardo Barros, der brasilianische Gesundheitsminister, schlägt eine Grundsatzerklärung (nur eine Seite lang) vor, in der andere Länder ermutigt werden, die Ausrottung der Kinderlähmung während des ersten G20-Gesundheitsministertreffens zu unterstützen. Haick und Barros trafen sich im vergangenen Jahr zum ersten Mal dank eines Rotary-Kontaktes: Bei einem Rotary-Institut fand Haick heraus, dass Mauro Carvalho Duarte Jr., damals Governor elect des Distrikts 4630, ein enger Freund von Barros war.

„Auf dem Hotelflur zückte er sein Handy und fragte: „Soll ich den Minister gleich mal anrufen?“

Mai

Barros ruft persönlich bei Haick an, um zu bestätigen, dass er sich für die Sache einsetzen möchte. Zwar trifft sich Haick mit vielen hochrangigen Regierungsbeamten, doch ein direkter Anruf vom Gesundheitsminister überrascht ihn dann doch.

„Das war das erste Mal in meinem Leben, dass mich ein Minister angerufen hat.“

Juni

Die G20-Gesundheitsminister betonen in ihrem Kommuniqué die „historische Chance, zur globalen Ausrottung der Kinderlähmung beizutragen“. Sie gehen insbesondere auf „starke, nachhaltige und belastbare Gesundheitssysteme" ein, für die die Infrastruktur und die personellen Ressourcen der Global Polio Eradication Initiative eine wichtige Rolle spielen. Die Empfehlungen dieses Treffens können die Entscheidungen auf dem nächsten G20-Gipfel beeinflussen und dazu beitragen, Rotarys fortlaufende Lobbyarbeit bezüglich einzelner Mitgliedsstaaten zu unterstützen.

Juli 

Kanada, das sich seit vielen Jahren für die Polio-Ausrottung einsetzt, spielt eine führende Rolle dabei, das Thema auf die Agenda der G20 zu bringen. Zum ersten Mal verpflichten sich die Staatschefs der G20 in ihrer einstimmigen Abschlusserklärung nach dem Gipfeltreffen in Hamburg, „alles daran zu setzen, Polio vollständig auszurotten“. Die Erklärung ist zwar nicht rechtsverbindlich, prägt aber zukünftige politische Entscheidungen in den beteiligten Ländern.


Wichtige Gruppen

Polio Eradication Advocacy Task Force für die USA:

Anne L. Matthews | Chair

John D. Salyers | Vice Chair

Barbara M. Finley 

Ralph D. Munro 

John L. Sever 

C. Grant Wilkins 

Mary Beth Growney Selene | Liaison Trustee

PolioPlus National Advocacy Advisers: 

Judith A. Diment | Coordinator

Ekkehart Pandel | Vice Coordinator

Brian Knowles | Australien

Franz Zeidler | Österreich

Michel Coomans | Belgien

Marcelo D. Haick | Brasilien

Wilfrid J. Wilkinson | Kanada

Jørgen Eeg Sørensen | Dänemark

Matti Honkala | Finnland

Christian Michaud | Frankreich

Hildegard Dressino | Deutschland

Daniel P. Fay | Irland

Gianni Jandolo | Italien

Kazuhiko Ozawa | Japan

Dong Kurn Lee | Korea

Dony Calmes | Luxemburg

Jacobus Iseger | Niederlande

Stuart J. Batty | Neuseeland

Bjørg Månum Andersson | Norwegen

Henrique Manuel Correia Pinto | Portugal

Jesus Maria Martelo Ortiz de Zarate | Spanien

Oliver Rosenbauer | Schweiz

Gary C.K. Huang | Taiwan

Şafak Alpay | Türkei

Judith A. Diment | Großbritannien