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Pakistans Kampf um die Null

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Pakistan und Rotary überwinden Kulturbarrieren, um migrierende Bevölkerungsgruppen mit ihrer Polio-Impfkampagne zu erfassen.

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An einer verkehrsreichen Mautstelle im pakistanischen Kohat gönnt sich das dreiköpfige Impfteam keine Pause. Flankiert von bewaffneten Militärangehörigen nähern sich die Impfhelfer in den blauen Rotary-Westen einem weißen Kleinbus, der aus dem ständigen Strom von Fahrzeugen ausschert, die im Osten in Richtung Islamabad und im Westen zur nahe gelegenen Grenze zu Afghanistan fahren. Ein Helfer lehnt sich in das Fahrerfenster, während ein anderer den Impfstoff aus der Kühlbox holt. Im überfüllten Bus sitzt ein Kind, das noch nicht geimpft wurde. Für Mutmaßungen ist jetzt keine Zeit. Ein Verwandter hebt den Jungen durch das Rückfenster, weil es zu eng ist, um nach vorn oder durch eine Tür zu krabbeln. Rasch werden ihm zwei Tropfen Schlussimpfstoff verabreicht. Sein kleiner Finger wird noch schnell mit lila Tinte markiert als Hinweis darauf, dass er die Dosis erhalten hat. Der Helfer reicht den weinenden Jungen eilig zurück durch das Fenster. Der Kleinbus gibt Gas und verschwindet im schwindelerregenden Verkehrsgetöse, und die Impfer halten nach dem nächsten Fahrzeug und Kind Ausschau.

Diese Szene spielt sich an Transit-Impfstellen wie dieser jeden Tag tausendmal ab. In behelfsmäßigen Kliniken an Bushaltestellen, Grenzübergängen, Armeestützpunkten und Polizeikontrollen im ganzen Land versucht man, migrierende Kinder zu impfen. Fast alle Fälle der Kinderlähmung waren noch vor wenigen Jahren allein in Pakistan anzutreffen. Die starke Bevölkerungsbewegung im Land erfordert jedoch eine neue Impfstrategie, die genauso wendig und hartnäckig wie das Virus selbst ist. An Hunderten von Stellen sorgen Impfteams dafür, dass jedes durchreisende Kind den Impfstoff erhält. Die Impfung läuft blitzschnell ab – schneller als das Bestellen, Bezahlen und Abholen von Speisen im Drive-in – aber die Wirkung hält ein ganzes Leben an. Ein weiteres Kind, eine weitere Familie und eine weitere Generation werden geschützt, und Pakistan kommt seinem Ziel von null Krankheitsfällen wieder einen Schritt näher.

Über 700 Kinder werden pro Tag an der Mautstelle Kohat zwischen Khyber Pakhtunkhawa und den Stammegebieten unter Bundesverwaltung gegen Polio geimpft.

Fotos: Khaula Jamil

Ein Jahr der Rückschläge

2014 steckten die Bemühungen zur Auslöschung der Kinderlähmung in Pakistan in der Krise. Der politische Willen zur Ausrottung des Virus schwand. Immer häufiger wurden Impfhelfer gezielter Gewalt ausgesetzt. Und gleichzeitig glaubten immer mehr Menschen, dass Pakistan eine Brutstätte der Krankheit sei. Die Abwanderung und Vertreibung großer Bevölkerungsteile verlangten der Anti-Polio-Kampagne alles ab. Das Ergebnis? Es wurden alarmierend viele neue Krankheitsfälle gemeldet. Insgesamt erkrankten in diesem Jahr 306 Menschen an Polio, im Vergleich zu 93 Fällen im Jahr davor. 82 Prozent der weltweiten Polioerkrankungen traten 2014 allein in Pakistan auf. Ein Zeitungsartikel nannte damals die Epidemie das „Schandmal“ Pakistans.

Dr. Rana Safdar, Director des National Emergency Operations Center in Pakistan, zum Erfolg der neuen Polio-Strategie.

Im selben Jahr hob ein kritischer Bericht des unabhängigen Überwachungsgremiums der Globalen Polio-Eradikationsinitiative (GPEI) die Fehlschritte Pakistans hervor und machte Regierungsvertreter und Gesundheitsbehörden verantwortlich, die daraufhin fieberhaft nach Lösungen suchten. „Wir fühlten uns angegriffen und reagierten emotional“, erinnert sich Dr. Rana Safdar, Leiter der Nationalen Notfall-Einsatzzentrale in Pakistan. „Der Bericht brachte uns aber dazu, die Situation erstmalig selbstkritisch einzuschätzen. Unser Programm war eine Bedrohung für die weltweiten Eradikationsmaßnahmen. Einen solchen sprunghaften Anstieg von Neuerkrankungen wie in Pakistan hatte es bisher noch nicht gegeben.“ Die Regierung sagte der Kinderlähmung den Kampf an und verurteilte die Epidemie als „nationale Katastrophe“. Den Worten sollten bald Taten folgen.

„Die Motivation und das Engagement der Behörden und der Impfhelfer an vorderster Front wurden immer stärker“, erinnert sich Aziz Memon, Vorsitzender von Rotarys PolioPlus-Ausschuss in Pakistan. „Wir hatten jetzt noch mehr Anlass, um zu sagen: Ja, wir müssen diese Krankheit besiegen und unser Versprechen an die Kinder unseres Landes erfüllen, das lautet: Kein Kind wird in der Zukunft von dieser Krankheit gelähmt werden.“ Gestützt auf diese neuen Vorsätze nahm das Land neuen Anlauf und führte intensive Impfaktionen mit neuen Strategien durch, die zu einem gewaltigen Rückgang der Krankheitsfälle in den nächsten zwei Jahren führen sollten.

Paradigmenwechsel 

Pakistan verabschiedete einen Nationalen Notfall-Aktionsplan, um der Ausbreitung der Krankheit im eigenen Land und in den Nachbarländern einen Riegel vorzuschieben. Unmittelbar zielt der Plan darauf ab, die Übertragung des Virus in hochgefährdeten Gebieten zu stoppen und alle Kinder zu impfen, die noch keine Impfung erhalten haben.

Polio-Erkrankungen in Pakistan

2016: 19

2015: 54

2014: 304

2013: 93

2012: 58

Pakistan verabschiedete einen Nationalen Notfall-Aktionsplan, um der Ausbreitung der Krankheit im eigenen Land und in den Nachbarländern einen Riegel vorzuschieben. Unmittelbar zielt der Plan darauf ab, die Übertragung des Virus in hochgefährdeten Gebieten zu stoppen und alle Kinder zu impfen, die noch keine Impfung erhalten haben.

Impfmaßnahmen zielen auf mobile Bevölkerung ab

Fast vier Jahre lang – von 2012 bis 2015 – waren eine halbe Million Kinder in den Stammesgebieten unter Bundesverwaltung (Federally Administered Tribal Areas, FATA) im Nordwesten des Landes für die Impfteams unerreichbar. Die halbautonome Bergregion, in der auch Nord-Wasiristan liegt, wurde von militanten Gruppen wie der Taliban kontrolliert, die Polio-Impfungen untersagten. In diesen Regionen wurden nicht zu wenig Kinder geimpft – es wurden überhaupt keine Kinder geimpft. Diese Situation fachte die Epidemie von 2014 an, denn 70 Prozent der Fälle kamen aus den Stammesgebieten. 2015 wurde die Taliban durch eine groß angelegte Militäroffensive aus den nördlichen Stammesgebieten verdrängt. Im Anschluss flohen über eine Million Zivilisten in umliegende Regionen und über die Grenze nach Afghanistan.

Kinder spielen nahe ihrer Unterkunft in Khyber Pakhtunkhwa. Die Erfassung von Familien von Wanderarbeitern als Hochrisikogruppe ist ein wichtiger Faktor bei der Immunisierung gegen Polio.

Foto: Khaula Jamil

Die Flüchtlingskrise führte dazu, dass Tausende von Menschen in Flüchtlingslagern Zuflucht suchten. Andererseits erhielten die Impfhelfer dadurch Zugang zu Hunderten von Kindern, die vorher unerreichbar waren, erklärt Dr. Malek Sbih, Leiter der WHO-Strategie für die Impfung von migrierenden Kindern: „Der Militäreinsatz löste eine gewaltige Abwanderung aus der Region aus, sowohl in andere Teile des Landes als auch über die Grenzen hinweg. Das ist bedauerlich. Für uns war das aber ein Glücksfall, denn dadurch konnten wir 265.000 Kinder impfen.“ Nach Aussage von Dr. Sbih, der bereits beim Eindämmen der Cholera-Epidemie nach dem Erdbeben 2010 in Haiti mithalf, hat sich die Zahl der Polio-Schluckimpfungen in zwei Jahren mehr als verdoppelt: von 11 Millionen im Jahr 2013 auf 24 Millionen im Jahr 2015.

Wenngleich die Impfrate gestiegen und die Zahl der Neuerkrankungen zurückgegangen ist, fordert die hohe Bevölkerungsmigration in Pakistan auch heute noch die Anti-Polio-Kampagne täglich aufs Neue heraus, ob das Reisende zu religiösen Festen, Wanderarbeiter oder Nomaden sind. „Die Migration aus Gebieten mit unzureichend geimpften Populationen oder einem hohen Infektionsrisiko spielt bei der Verbreitung des Polio-Virus eine riesengroße Rolle“, so Dr. Sbih. „Die Schwierigkeit besteht im Grunde genommen darin, sich auf diese Wanderungsströme einzustellen.“

Um genau dies zu tun, schickten Pakistan und die GPEI-Partner mehr als 200.000 ausgebildete und hochmotivierte Impfhelfer in die drei Regionen, in denen das Polio-Wildvirus am stärksten vorkommt: Karatschi, Khyber Pakhtunkhwa und Quetta. Die mobilisierten Impfkampagnen richteten zudem über 600 ständige Transit-Impfstellen im ganzen Land ein. Die als PTPs bezeichneten Kioske sind das ganze Jahr über geöffnet und impfen Kinder und Familien, die auf der Durchreise sind. Von Karachi im Süden des Landes bis nach Islamabad und die Stammesgebiete im Norden wurden in Absprache mit Rotary überall dort, wo ein hohes Verkehrsaufkommen herrscht, PTPs installiert: auf Autobahnen, an Mautstellen, in Zug- und Busbahnhöfen, auf Flughäfen, Märkten und sogar in Freizeitparks. Das Polio-Programm reagierte auf die fallende Infektionsrate mit einem Fokuswechsel.

Statt sich in erster Linie auf Quantität zu konzentrieren, wurde jetzt mehr Wert auf Qualität gelegt und die Zahl der PTPs von 600 auf rund 400 reduziert. Die verbleibenden Impfstellen sind an strategischen Punkten im Einsatz: an verkehrsreichen Schnittpunkten zwischen den Provinzen, an der Grenze zu Nachbarländern sowie in den Hauptvirusreservoiren. Rotary hat mehr als 30 aufgebaute Impfstellen direkt finanziert und ehemalige Versandcontainer mit solarbetriebenen Kühlanlagen umgerüstet und mit Möbeln ausgestattet. Jede Impfstelle wird von Sicherheitspersonal bewacht. Das zusätzliche Personal ist besonders wichtig für Impfstellen, die rund um die Uhr geöffnet sind.

„Vielen unser strategisch geplanten PTPs mangelte es an grundlegender Ausstattung“, erklärt Dr. Safdar von der pakistanischen Notfall-Einsatzzentrale. „Angesichts des dringenden Bedarfs unseres PTP-Programms konnten wir uns wahrhaft glücklich schätzen, dass uns Rotary zu Hilfe kam. Sie haben uns von Anfang an bei dieser Strategie unterstützt. Wenn wir ihre Hilfe brauchten, waren sie immer zur Stelle.“ Und niemand ist wichtiger dabei als die Impfhelfer, die an der 2.500 Kilometer langen Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan im Norden und Westen des Landes im Einsatz sind. Diese durchlässige Grenze wird von 90 Prozent der pakistanischen Migranten überschritten. „Die umherziehende Bevölkerung in dieser Region ist in der Regel unter-immunisiert und wird bei routinemäßigen Impfaktionen auf beiden Seiten der Grenze nicht erfasst“, erklärt Senatorin Farooq. „Grenzüberschreitende Impfstellen und Impfaktionen sind für den Erfolg des Programms von größter Bedeutung. Wir konzentrieren unsere Anstrengungen darauf, Menschen zu impfen, die die Grenzen in beiden Richtungen überqueren.“ Die beiden Regierungen einigten sich kürzlich auf eine Synchronisierung ihrer Impfkampagnen. Frau Farooq weist darauf hin, dass Pakistan und Afghanistan im selben epidemiologischen Block liegen und „wir Hand in Hand mit unseren afghanischen Partnern arbeiten müssen, damit Polio für immer in der Region ausgemerzt wird. Wir müssen Immunität aufbauen, damit eine Einschleppung über die Grenze unmöglich wird.“

Ihre Arbeit erhielt im Juli neuen Auftrieb, als Rotary eine große Impfstelle am „Tor der Freundschaft“ einrichtete, einem Grenzübergang in Chaman in Nord-Belutschistan. Neben den Migranten passieren täglich zwischen 10.000 und 15.000 pakistanische und afghanische Händler diesen Grenzübergang. Die wichtige PTP am Freundschaftstor hat zwei große Zimmer, einen Aufenthaltsraum, eine Küche und Toiletten. Nach Aussage von Rotarier Memon werden hier jeden Tag über 1.000 Kinder geimpft. Insgesamt erhielten im Rahmen der PTP-Strategie mehr als 68 Millionen Kinder, die ansonsten ungeimpft geblieben wären, die Schluckimpfung. „Ohne die Unterstützung durch Rotary“, meint WHO-Teamleiter Sbih, „wäre es unglaublich schwerer gewesen, diese Kinder zu impfen und unseren Teams vor Ort die benötigten Hilfsmittel zu geben.“

Nein zum Nein

Egal, welche Fortschritte bei den Impfkampagnen gemacht wurden – der Gesamterfolg der Polioeradikation in Pakistan hängt von einem wichtigen Punkt ab: dem Vertrauen der Bevölkerung. „Darauf kommt es letztendlich an“, bestätigt auch Aidan O’Leary, Leiter des Anti-Polio-Teams der UNICEF für Pakistan. „Letztendlich ist der Dialog zwischen dem Impfhelfer und den Eltern dafür entscheidend, ob alle Kinder in diesem Haushalt geimpft werden. Alles hängt davon ab. Der Erfolg beginnt und endet an der Haustür.“ Für Aidan O’Leary ist Rotary besonders geeignet, um den erfolgreichen Verlauf dieser Interaktion zu gewährleisten: „Rotary geht aus dem Gemeinwesen hervor und ist Teil des Gemeinwesens. Rotarier wissen deshalb genau, was gesagt und getan werden muss.“

Öffentliches Misstrauen und die Einschüchterung durch militante Gruppen trugen dazu bei, dass viele Eltern sich weigerten, ihre Kinder impfen zu lassen. Um der Einschüchterung entgegenzuwirken, richtete Rotary acht Polio-Ressourcenzentren ein, die das Vertrauen der Menschen in hochgefährdeten Gebieten aufbauen sollten. Neben Polio-Schluckimpfungen boten die Zentren auch Impfungen gegen Masern und andere Krankheiten sowie kostenlose ärztliche Untersuchungen, Medikamente und Brillen an. Kommunal organisierte Impfungen, die von denselben örtlichen Impfhelfern – in der Mehrzahl Frauen – durchgeführt werden, haben dazu geführt, dass von anfangs 87.000 Bürgern im März 2014 nur noch 23.000 im März 2016 die Impfung verweigerten, weniger als ein Prozent der Bevölkerung.

Wir haben jeden einzelnen operativen Erfolg bei unserer Arbeit unseren Frauen zu verdanken.


UNICEF-Leiter der Polio-Initiative in Pakistan

„Wir haben jeden einzelnen Erfolg bei unserer Arbeit unseren Frauen zu verdanken“, so Aidan O’Leary. Begünstigt wird dieser Fakt auch dadurch, dass die Impfhelferinnen aus dem Gemeinwesen kommen: „Das sind keine Außenstehenden. Sie wohnen im selben Ort wie die Menschen, die sie impfen. Örtliche und hochmotivierte Impfhelferinnen sind für den Erfolg entscheidend. Sie kennen alle Mütter und ihre Kinder. Sie wissen, wann Eltern Zeit haben und wann sie am besten zu erreichen sind.“ Dies, so Aidan O’Leary, führt zu einer besseren Abdeckung. Allerdings ist das Entsenden von Impfhelferinnen in die am schwersten zugänglichen Hauptbrutstätten des Virus mit Risiken verbunden. Je öfter die Teams in diesen Gegenden im Einsatz sind, desto eher werden sie zur Zielscheibe von Angriffen. „Von meinen rotarischen Kollegen in Pakistan und anderen Ländern habe ich gehört, dass diese Menschen bereit sind, diese Risiken einzugehen“, meint Aidan O’Leary und fügt hinzu, dass Rotarier im Kampf gegen Polio die „Speerspitze“ bilden. „Sie haben sich zweifellos dieser Herausforderung gestellt, wie man heute sieht.“

Ich leiste einfach meinen Teil als Rotarierin. Es macht mir nichts aus, in entlegenen Gebieten in erster Linie mit Frauen zu arbeiten und sie zu motivieren, ihrer Rolle in der Gesellschaft gerecht zu werden.

Foto: Khaula Jamil

Tayyaba Gul, Mitglied des Rotary Clubs Islamabad (Metropolitan) in Pakistan, leitet ein von Rotary finanziertes Gesundheitszentrum in Nowshera in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Hier versucht ihr Team von Impfhelferinnen, die kulturelle Kluft zu überwinden, die Impfverweigerungen nach sich zieht. Die Gruppe arbeitet in Gemeinden in Stammesgebieten an der Grenze speziell mit afghanischen Flüchtlingen. Ihr Ziel ist es, Mütter davon zu überzeugen, dass die Polio-Schluckimpfung zur Schwangerschaftsnachsorge dazugehört. „Ich leiste einfach meinen Teil als Rotarierin. Es macht mir nichts aus, in entlegenen Gebieten in erster Linie mit Frauen zu arbeiten und sie zu motivieren, ihrer Rolle in der Gesellschaft gerecht zu werden“, erklärt Frau Gul. Ihr Team meldet die aufgezeichneten Daten über Smartphones weiter, und die Mitglieder schicken ihre Berichte direkt an die Notfall-Einsatzzentrale in Pakistan. Gemeinsam mit führenden islamischen Gelehrten trug Rotary außerdem zur Bildung des pakistanischen Ulema-PolioPlus-Ausschusses bei, der die Bemühungen des Landes um die Ausmerzung der Kinderlähmung voll und ganz unterstützt. Rotarier Memon dazu: „Der Ausschuss leistet eine phantastische Arbeit bei der Veranstaltung von Workshops für islamische Religionsführer, in denen sie lernen, wie wichtig die Polio-Tropfen sind. Hier erfahren sie, dass 52 andere muslimische Länder mit diesen Tropfen die Kinderlähmung bereits ausgerottet haben.“

Shukatullah Khatta ist nicht nur Virologe, sondern als Mufti auch ein islamischer Rechtsgelehrter, der über religiöse Angelegenheiten im Gemeinwesen entscheiden darf. Für ihn steht fest, dass die Zusammenarbeit mit muslimischen Führern eine „enorme Wirkung“ haben kann. In seiner Stadt Nowshera geht Shukatullah Khatta regelmäßig zu Gemeindeversammlungen und den Freitagsgebeten, um mit Familien und anderen muslimischen Führern über den Nutzen der Polio-Schluckimpfung zu sprechen. „Die Menschen hören auf ihre islamischen Gelehrten“, erklärt er. „Die Gemeindemitglieder werden die Aktionen ehrenamtlich unterstützen ... wenn sie von den Gelehrten dazu aufgefordert werden. Wir können einen gewaltigen Beitrag leisten, um die herrschende Auffassung zur Kinderlähmung zu ändern und kulturelle Barrieren zu überwinden.“

Religiöse Unterstützer rufen zu Polio-Impfungen auf.

Rotarier Memon weiß, dass Pakistan eine besondere Stellung einnimmt, nicht nur wegen der Rückschläge 2014, sondern auch wegen der seitdem gemachten Fortschritte: „Wir müssen diese Aufgabe zu Ende bringen. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Wir müssen diese Krankheit schnellstens ausrotten.“ Noch nie war das weltweite Vorkommen der Kinderlähmung so geschrumpft wie heute. Pakistan hofft, dass 2016 das Jahr mit dem letzten gemeldeten Krankheitsfall sein wird. Dennoch sind die verbleibenden Herausforderungen enorm. Das Land muss seinen Nationalen Notfall-Aktionsplan auf allen Ebenen weiter umsetzen und für eine ausreichende Finanzierung sorgen. Die Überwachung in den Hauptreservoiren muss weiter in höchster Qualität fortgesetzt und die Sicherheit aller Impfhelfer muss gewährleistet werden.

„Wir freuen uns auf die anhaltende Unterstützung durch Rotary, bis wir die Ziellinie überquert haben“, sagt Senatorin Farooq. „Wir sind ganz, ganz nahe daran, dieses Land, diese Region und den gesamten Erdball ein für alle Male von dieser bedrohlichen Krankheit zu befreien.“ Das Polio-Team in Kohat hat zusammen mit Tausenden anderen in Pakistan dasselbe Ziel wie Mediziner auf der gesamten Welt: Die Zahl der 10 bis 20 Prozent von noch ungeimpften Kindern auf Null zu bringen. Deshalb sind sie so beharrlich und lassen nicht locker. Im Durchschnitt werden rund 800 Kinder täglich vom Team an der Mautstelle geimpft.

Es kommt aber immer wieder vor, dass die Impfung verweigert wird. In etwa jedem fünften angehaltenen Fahrzeug wollen sich die Passagiere nicht impfen lassen. Ob es religiöse Gründe sind oder die Eltern darauf bestehen, dass ihr Kind bereits geimpft worden ist – die Teammitglieder müssen die Familien davon überzeugen, dass die Tropfen in ihrer Hand extrem wichtig sind, damit das Ziel der Polioausrottung erreicht und Geschichte geschrieben werden kann. „Kein anderes Gesundheitsprogramm in der Welt“, so Aidan O’Leary, „hat sich wie bei der Polioeradikation in allen Aspekten die Zielgröße Null gesetzt.“

  1. Weibliche Teammitglieder wie Rot. Tayyuba Gul spielen eine Schlüsselrolle bei der Erreichung von Frauen in ihren Gemeinden, denn die Frauen vertrauen sich ihnen lieber an als männlichen Impfhelfern.

  2. Dr. Palwasha, Mitte, bereitet ihre Teams auf ihren Einsatz an der Mautstelle Kohat, einer der verkehrsreichsten in Khyber Pakhtunkhwa, vor. Zu jedem Impfteam gehören drei Mitglieder.

  3. Am Bahnhof Cantt im pakistanischen Karachi gehen die Teams (oft nach Geschlechtern getrennt) noch einmal von Abteil zu Abteil, bevor der Zug nach Quetta abfährt.

  4. Am Bahnhof Cantt im pakistanischen Karachi wird ein Kind geimpft, das am Eingang nicht erfasst wurde. Der Helfer wiederholt sein Mantra gegenüber den Eltern: "Every campaign, every child. Two drops, every time - Jede Kampagne, jedes Kind, jedes Mal - nur zwei Tropfen Schluckimpfung.”

  5. Ein Transitposten (permanent transit post oder kurz PTP) aus Recycling-Containern nahe einer Polizeistation sorgt für Sicherheit, Schatten und Kühlmöglichkeiten für den Impfstoff. Die Teams rotieren manchmal im 24-Stunden-Einsatz.

    Fotos: Khaula Jamil

  6. Der Teamleiter signalisiert Fahrzeugen die Ausfahrt, lenkt den Verkehr, identifiziert zu impfende Patienten - und verhandelt, wenn sich die Ausgewählten weigern, die Impfung zu erhalten. Derweil führen die beiden anderen Helfer die Impfung aus und vermerken die Personaldaten der Geimpften einschließlich Alter, Impfstatus, Herkunft und Reiseziel.

    Fotos: Khaula Jamil

  7. Die Teams arbeiten reibungslos zusammen, um die Reisenden nicht zu sehr aufzuhalten.

    Fotos: Khaula Jamil

  8. Polio-Teams wählen pro Tag 300 - 500 Fahrzeuge aus, darunter auch Reisebusse mit bis zu 50 Fahrgästen.

    Fotos: Khaula Jamil

  9. Krankenhäuser wie dieses in Khyber Pakhtunkhwa sind strategische Einsatzorte für die Impfkampagne: hier können Kinder geimpft werden, wenn sie oder andere Familienmitglieder Behandlungen erhalten.

    Fotos: Khaula Jamil

  10. Kinder im Jalozai Camp; hier leben 3500 Inlandsflüchtlinge seit 2008. Ohne eine Rundum-Gesundheitsversorgung können sie auch wichtige Impfungen versäumen - nicht nur die Polio-Impfung.

    Fotos: Khaula Jamil

  11. Impfteams im Flüchtlingscamp Jalozai. Seit Beginn der PTP-Strategie fiel die Zahl ungeimpfter Kinder von 8 auf 3 Prozent.

    Fotos: Khaula Jamil

  12. In einem nur für Frauen zugänglichen Zelt im Camp Jalozai können Mütter ihre Sorgen aussprechen und Behandlungen erhalten - einschließlich Impfungen.

    Fotos: Khaula Jamil

  13. Teams sind an den Ein- und Ausgängen des Bahnhofs von Cantt postiert; jährlich reisen 53 Millionen Menschen mit der Eisenbahn in Pakistan.

    Fotos: Khaula Jamil