Malala geht uns alle an

Malala Yousafzai wurde im Oktober 2012 von den Taliban angeschossen, weil sie sich für die Bildung von Mädchen engagierte.
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Kinder auf der Busheimfahrt von der Schule im Swat-Tal im Norden Pakistans, der Heimat von Malala.
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Kinder beten nach dem Taliban-Überfall für die Genesung von Malala. Die Ärzte waren zunächst nicht sicher, ob Malala überhaupt überleben oder jemals wieder gehen und sprechen könnte. Sechs Tage nach dem feigen Attentat wurde sie in ein Krankenhaus im englischen Brimingham geflogen, wo sie mehrere Operationen überstehen musste.
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Zebu Jilani (rechts) ist die Enkelin des verehrten ehemaligen Führers von Swati; sie gründete den ersten Rotary Club im Swat-tal und nahm auch den Vater von Malala, Ziauddin Yousafzai, in den CLub auf.
Fotorechte Courtesy of Swat Relief Initiative.
Im Herbst 2013 erhielt Malala den Peter J. Gomes Humanitarian Award der Harvard University. Ihr Vater (rechts) lobte dabei ihre Tapferkeit.
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Das Swat Valley im Norden Pakistans, genauer gesagt, im Hochland zwischen Kaschmir und dem Khyber Pass, war einmal ein blühender, friedlicher Ort. Das Tal wurde streng regiert von Miangul Abdul Haq Jahanzeb — dem Wali von Swat, einem absoluten Monarchen, aber auch Erneuerer. Der Wali baute Schulen — für Jungen und Mädchen — und besuchte abgelegene Berggegenden, in denen noch nie jemand ein Automobil gesehen hatte.

"Es war ein wundervolles, unberührtes Land, in dem die Berge den Himmel und die Wolken berührten", erinnert sich Zebu Jilani an die Heimat ihrer Kindheit. "Es wurde das wahre Shangri-La genannt." Der Wali war ihr Großvater. Prinzessin Zebu, wie sie immer noch von Swatis genannt wird, erinnert sich daran, dass sie mit Steinen spielte, die wie grünes Glass aussahen. "Es waren Smaragde aus den Minen unserer Familie", sagt sie. Dann, im Jahre 1969 gab das Swat-Tal seine Unabhängigkeit auf und wurde unter pakistanische Regierungshoheit gestellt. Damit begann ein 40-jähriger Verfall, der mit dem Aufstieg der Taliban 2008 seine schlimmsten Auswirkungen erreichte. Zwei Jahre lang mussten die Swati die Grauen eines Terrorregimes ertragen. Die Taliban zwangen ihnen ihre pervertierte und brutale Version islamischen Rechts auf. Politische Gegner wurden gefangen genommen, viele einfach geköpft, andere ausgepeitscht. Sie hielten öffentliche Exekutionen ab, schlugen Frauen und jagten Schulen in die Luft.

Jilani ging 1979 in die USA. Während ihrer jährlichen Besuche musste sie mit ansehen, wie ihr Land überrannt wurde. Das Geld aus dem Minenbetrieb der Familie war verschwunden. Also sammelte sie Gelder und eröffnete bald wieder Schulen und Flüchtlingszentren. Und sie gründete den ersten Rotary Club von Swat. Unter den ersten, die sie zur Mitgliedschaft einlud, war Ziauddin Yousafzai, ein Lehrer und Aktivist, der eine Tochter im Teenager-Alter mit Namen Malala hatte.

Sie haben wahrscheinlich bereits von Malala Yousafzai gehört. Mit nur 15 Jahren war sie die beste Schülerin an der Khushal Schule in der Stadt Mingora im Swat-Tal. Als Leseratte verschlang sie alles, von Gedichten in Paschto bis zur Twilight Saga. Sie trug eine blaue Schuluniform und lernte Biologie, Mathematik, Islam, Englisch, Urdu. In dieser Sprache verfasste sie auch einen Blog, in dem sie das Leben unter der Bedrohung der Taliban beschrieb. Sie berichtete von Kämpfen der pakistanischen Armee mit den Taliban, von nächtlichem Artilleriefeuer, Kampfhubschraubern, aber auch von ihren Träumen, den Büchern, die ihnen fehlten, von ihrem rosa Lieblingskleid und das mögliche Ende ihrer Schulbildung: "Die Taliban haben allen Mädchen den Schulbesuch verboten."

In dem Blog benutzte Malala das Pseudonym Gul Makai, den Namen einer pakistanischen Volksheldin. Dennoch war ihre Identität ein offenes Geheimnis. "Ich werde meine Ausbildung bekommen. Und das ist unser Aufruf an die ganze Welt: Rettet unsere Schulen! Rettet unser Swat."

Ihr Vater tat das Seinige, um die Traditionen des Swat-Tals lebendig zu erhalten. Im Jahre 2010, nachdem die pakistanische Armee zumindest teilweise wieder die Ordnung in Mingora hergestellt hatte, half er seinem Rotary Club, das erste Musikkonzert seit dem Taliban-Terror zu veranstalten. Wir Rotarier waren stolz, solche eine Vorstellung zu organisieren. Es war auch mutig, denn der Einfluss der Taliban war immer noch stark", erinnert sich Yousafzai, Mitglied im Rotary Club Mingora Swat. "Die Dinge waren noch sehr ungewiss, es gab viele Drohungen und Ermordungen. Doch wir machten ein gutes Konzert."

An einem Dienstag im Oktober 2012 war Yousafzai in Mingora dabei, eine Demonstration von Lehrern für die Bildungsfreiheit anzuführen. Er erinnert sich, wie er auf dem Weg zum Redepodium von seinem Clubfreund Ahmad Shah, der vor ihm gesprochen hatte, eine furchtbare Nachricht bekam: der Schulbus von Khushal war überfallen worden. "Mein Herz sank. Ich wusste, wem der Anschlag galt: es konnte nur Malala sein." In diesem Moment wurde er als Redner angekündigt. Nach sechs Minuten brach er ab, um zum Krankenhaus zu eilen.

Seine Tochter war in der Tat auf dem Nachhauseweg gewesen, als ein Attentäter sich Zugang zu dem Bus erzwang. Er drohte, alle Kinder zu erschießen, wenn ihm nicht gesagt würde, wer Malala sei. Die angstvollen Blicke der Kinder auf Malala verrieten sie schließlich, und der Mann schoss ihr aus nächster Nähe in den Kopf.

Sechs Tage nach dem Attentat wurde die im Koma liegende Patientin nach Birmingham, England, geflogen, in ein Krankenhaus, das auf die Behandlung von Schussverletzungen von Kriegsopfern spezialisiert ist. Erst hier öffnete sie wieder ihre Augen. "In welchem Land bin ich?" war ihre erste Frage.

Malala blieb gegenüber Jilani ehrfürchtig und redete sie mit "Bi Bi Sahiba" (Hochgeehrte Madam) an. Und sie blieb resolut. "Die Taliban dachten, sie könnten mich stoppen", sagte sie vom Krankenbett aus. "Aber das werden sie nicht." Ihren Vater beruhigte sie, und gegenüber Jilani beteuerte sie: Gott wird mir dabei helfen, Menschen zu helfen."

Im folgenden März besuchte Malala zum ersten Mal eine Schule in Birmingham, einer Stadt mit dem zweithöchsten Bevölkerungsanteil von Pakistanern in Großbritannien. Eine Titanium-Platte deckte das Loch in ihrem Schädel ab, ein Hörgerät half ihrem linken Ohr, aber abgesehen davon war sie ein Teenager wie alle anderen, im grünen Pulli und mit einem rosa Rucksack. Zwar betonte sie, dass sie ein Mädchen unter vielen sei - doch schon am ersten Tag wurde sie aktiv und sammelte Unterschriften für eine Petition, die das Recht eines jeden Kindes auf einen Schulbesuch unterstreichen sollte.

Ihr Vater arbeitet heute als Berater für den ehemaligen Premierminister Gordon Brown, heute UN Sonderbotschafter für globale Bildung. Und obwohl Malala nun die Weltbühne betreten hatte, hatte sie nur ihr Heimattal Swat und eine Wiederkehr besserer Zeiten im Kopf.

Und Jilani führt weiter unglamouröse und unprätentiöse Hilfsarbeit aus. Sie kümmert sich um Notwendigkeiten wie Zelte, Antibiotika, Bulldozer. Und sie kümmert sich um die Menschen in Swat. "Das Leid von Malala war fürchterlich, aber das Schicksal hat ihr ermöglicht, dass die ganze Welt ihr zuhört. Diese Bekanntheit ist ein großes Geschenk für ihre Sache. Ich wünsche mir, dass sie eines Tages in ihre Heimat zurückkehren kann, um zu sehen, wie unsere gemeinsamen Anstrengungen Früchte getragen haben."

Das ist auch Malalas Ziel. Und auch ihr Vater hofft, eines Tages nach Hause gehen zu können. "Ich träume von einer Zeit, wenn wir wieder nach Swat, unserem Tal der Träume, zurückkehren", sagt er. "Und dann werde ich Malala bitten, unserem Rotary Club beizutreten."

Aus:The Rotarian, Januar 2014

14-Jan-2014
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