Vier-Fragen-Probe auf dem Prüfstand
Arnold R. Grahl
Rotary International News -- 2. März 2010
Herbert Taylor mit der Vier-Fragen-Probe.
Rotary Images
Im Jahre 1932 schrieb Herbert J. Taylor vier Fragen auf ein kleines Stück Papier, die seinen Mitarbeitern als "ethischer Maßstab" dienen sollten. Diese kleine Erfindung wurde berühmt als die Vier-Fragen-Probe. Von Rotariern geschätzt, wurde der Text in mehr als 100 Sprachen übersetzt und wöchentlich auf Club-Meetings rund um den Globus wiederholt.
Als Merv Hecht, Mitglied im Rotary Club Santa Monica (Kalifornien) in einem Leserbrief an The Rotarian im Dezember 2009 die zugrundeliegenden Auffassungen des Tests als unrealistisch und unpraktisch für die heutige Welt kritisierte, löste er damit eine Flut von Antworten aus, wobei die meisten sich für die Probe aussprachen.
"Ist es WAHR? Die Wahrheit ist variabel", schrieb Hecht unter Bezug auf den ersten Grundsatz der Vier-Fragen-Probe. "Es war einmal die WAHRHEIT, dass die Welt flach sei. Wer das nicht als Wahrheit annahm, landete auf dem Scheiterhaufen. Dann wurde viele Jahre gelehrt, die Erde sei rund. Jetzt sagt man, sie sei elliptisch aufgrund des Einflusses der Schwerkraft. Was ist nun WAHR?" Er fuhr fort, dass auch der Begriff Fairness unterschiedlich interpretiert werde. Was fair für einige sei, sei selten fair für alle, und auch die letzten beiden Fragen des Tests passten nicht mehr "zur Art und Weise, wie die Welt funktioniert". ( Engl. Brief in voller Länge )
Hecht selbst war überrascht über die Reaktionen auf seinen Brief. "Es war eine momentante Eingebung, doch wenn ich jetzt darüber nachdenke, ist es eine Reaktion auf das Schwarz-Weiß-Denken, das immer mehr unsere Gesellschaft durchdringt", sagt er. "Absolutistisches Denken spaltet uns Amerikaner ebenso wie unsere internationalen Freunde. Die Vier-Fragen-Probe ist nur ein weiteres Absolutum, das es versäumt, Menschen dazu zu bringen, auch die Grauschattierungen in sozialen Beziehungen zu sehen. Vielleicht könnte Rotary als eine meiner liebsten Organisationen verbessert werden mit einer neuen Vier-Fragen-Probe, die eine Offenheit für andere Standpunkte und Sichtweisen einschließt."
Nachfolgend sind einige der vielen eingegangenen Antworten aus den USA aufgeführt.
- Dale Bailey aus San Diego stimmt Hecht zu: "Sie haben recht. Der Four-Way Test ist überholt. Wir leben in einer Welt, in der Absolutwerte unsere Freiheiten untergraben. Wahr ist nur, was dem Überbringer nützt".
- John Collier, Präsident elect des Rotary Clubs West U (Houston, Texas), schreibt: "Wenn ich der Wahrheit verpflichtet bin, täusche ich keine Menschen. Ich bin transparent. Ich verpflichte mich zur vollständigen Offenlegung und zur Wahrheit, wie ich sie kenne, denn Täuschung ist ein Verhalten, das versucht, jemanden zu überzeugen, einer Lüge zu glauben".
- Marsha Doyle, Schatzmeisterin des Rotary Clubs Lamar (Missouri): "Die Vier-Fragen-Probe soll nicht einfach sein. Ich glaube, man sollte intensiv nachdenken und alles im Herzen bewegen, um sicherzustellen, dass man wirklich intensiv nach Integrität sucht. Wir versuchen es, und manchmal versagen wir dabei, aber wir versuchen es zumindest. Und weit öfter haben wir Erfolg. Rotary sollte weiterhin den Test propagieren, als Standard, nach dem alle Menschen auf der Suche nach Integrität und Goodwill streben können".
- George Paden, Mitglied des Rotary Clubs Sand Springs (Oklahoma), District Rotary Peace Fellowships Chair, meint: "Ich gebe respektvoll zu bedenken, dass gerade weil es nicht die "Art und Weise ist, wie die Welt funktioniert", jedes Mitglied von Rotary ganz besonders die Prinzipien der Vier-Fragen-Probe annehmen sollte. Rotarier funktionieren nicht so, wie die Welt funktioniert. Rotarier werden nicht motiviert durch ein Denken, das von Was-ist-für-mich-drin oder durch Was-hast-du-für-mich-schon-getan geprägt wird".
- Connie Cockcroft, Präsidentin des Rotary Clubs Athens (Pennsylvania) schreibt schließlich: "Die Vier-Fragen-Probe ist die pureste und bescheidenste Art, die Ethik in unseren Berufsfeldern zu messen".
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