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Brückenbau im Kampf gegen die Armut

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Barfuß und ermüdet von einem 30-km-Fußmarsch überschreitet ein junger äthiopischer Bauer eine Reihe steiler schwarzer Felsklippen am Rande des Blauen Nils.

Nachdem er schließlich den Fuß einer Brücke tief in einer Schlucht erreicht, entfährt ihm ein tiefer erschöpfter Seufzer. Er setzt seinen schweren Korb mit frischen Bananen ab, die zum Marktverkauf gedacht sind, und wartet. Vor ihm die Sebara Dildiy, was auf amharisch so viel bedeutet wie Zerbrochene Brücke. Genial vor 400 Jahren aus Sand, Stein und Eiweiß errichtet, wurde sie 1935 von äthiopischen Freiheitskämpfern sabotiert, um die italienischen Invasionstruppen aufzuhalten. Der Coup gelang, der Mittelteil der Brücke stürzte ein und riss die Männer auf ihr in den Tod.

Und doch stellt diese Brücke im Oktober 2007 für den Norden Äthiopiens an der Grenze zum Sudan immer noch die schnellste Verbindung zu Geschäften und medizinischer Versorgung dar. Der nächste Übergang über den Blauen Nil ist weit entfernt und würde einen äußert strapaziösen Umweg von 150 km  bedeuten.

Für das harte Leben hier, bei dem die meisten Familien mit weniger als 1 Dollar pro Tag überleben, bedeutet der Markttag alles. Ein guter Tag bringt vielleicht genug Geld ein, um einem Sohn oder einer Tochter den Schulbesuch zu erlauben. Doch die meisten Kinder müssen mithelfen, indem sie Tiere hüten oder Gartenarbeit verrichten. Es herrscht drückende Armut in den Lehmhütten, die Kinder laufen in schmutzigen Lumpen herum, ständig mit Fliegen in Mund und Augen.

Es kann jeweils nur eine Person zur die Zerbrochene Brücke überqueren. Das bedeutet lange Wartezeiten. Acht Männer, vier auf jeder Seite der Lücke, spannen ein gelbes Seil über die Bresche. Nach 20 Minuten Wartezeit schlingt sich der Bananenhändler ein Seil um den Leib und lässt sich vorsichtig herab in die Leere über dem reißenden Fluss. Die Männer ziehen ihn Zentimeter für Zentimeter zur anderen Seite. Fast 50 Menschen überqueren an diesem Tag auf diese Weise den Fluss. Es ist gefährlich. Erst kürzlich fiel ein Mann vom Seil. Das bedeutet fast immer den Tod. Nachdem auch seine Ware herübergehievt ist, macht sich der Händler an die restlichen 40 Kilometer seiner Reise.

Ein Foto als Auslöser

Im Jahre 2001 blätterte Ken Frantz vom Rotary Club Newport News (US-Bundesstaat Virginia) in einer Ausgabe des Magazins National Geographic und sah darin ein Foto der Sebara Dildiy. Die Art und Weise, wie ihm das Foto ins Auge fiel, überzeugte ihn an Ort und Stelle: “Ich wusste auf einmal, dass es meine Aufgabe war, diese Brücke zu reparieren”, sagt er heute.

Frantz gründete im März des gleichen Jahres die Organisation Bridges to Prosperity und reiste bald darauf nach Äthiopien. 2002 hatte er es -hauptsächlich mit eigenem Geld und mit der Unterstützung von Clubs in Virginia- geschafft, die Bresche der Sebara Dildiy mit einer leichten Stahlkonstruktion zu überbrücken. Dazu wurden über 12 Tonnen an Material auf den Rücken von 350 Packeseln herangeschafft.

Die Brückenreparatur erwies sich schnell als der ökonomische Anschub für die Region, den Frantz sich erhofft hatte. Menschen, denen vormals der Übergang nicht möglich war, strömten nun regelmäßig zum Markt. Junge Frauen verdienten ihr eigenes Geld, Männer machten sich auf Arbeitssuche als Tagelöhner, um ihre Farmerträge zu ergänzen. Und nicht zuletzt besuchten sich Menschen, die sich schon jahrelang nicht gesehen hatten.

Nach diesem ersten Brückenschlag setzte Frantz Spenden von 31 Rotary Clubs und Rotary Foundation Matching Grants ein, um bis 2007 40 weitere Brücken in 11 Ländern zu bauen.  In diesem Jahr sind es Programme in Bolivien, El Salvador, Peru und Sambia. Wie in Äthiopien verbessern die Brücken in den anderen Ländern nicht nur Lebensumstände, sie retten auch Leben. In Peru zum Beispiel ersetzte Ken Frantz eine berüchtigte Konstruktion, von der im Vorjahr drei Kinder abgestürzt waren. Es ist sein Ziel, bis zum Jahr 2020 jedes Jahr 500 Fußbrücken zu bauen. Leider wurde 2005 die erste Brücke von massiven Überflutungen fortgerissen. Frantz reagierte sofort und setzte die gemeinnützige Organisation, die sein Lebenswerk geworden war, daran, die Brücke an sicherer Stelle wieder zu errichten.

Ein neues Leben

Mit dem Foto 2001 erhielt der Lebensweg von Ken Frantz eine andere Richtung. Er hatte nach dem Studium für die Alaska Pipeline gearbeitet und dann viel Geld als Bauunternehmer in Kalifornien verdient. Nun wollte er sich mit Frau und Kindern in Virginia niederlassen. Aber er suchte eine Aufgabe --- und fand sie schließlich darin, durch den Bau von Brücken die Armut in der Welt zu bekämpfen. Seine Organisation bringt Freiwillige, Ingenieure, Studenten und Fachleute zusammen, nicht nur um Brücken zu bauen, sondern auch um Menschen in betroffenen Gebieten zum selbstständigen Brückenbau anzuleiten.

Bridges to Prosperity arbeitet auch erfolgreich mit kirchlichen und anderen Organisationen wie der Schweizer Gruppe Helvetas zusammen. Aber auch die Rotary Foundation half mit sechs Matching Grants bei den Unternehmungen.

Und letztlich waren es nicht nur Rotarier aus Virginia, die aktiv wurden. Der äthiopische Rotary Club Bahir Dar steuerte in seiner ersten Kooperation mit Bridges to Prosperity 100 Dollar bei.

Im Oktober 2007 entsandte Frantz den jungen Mebratu Abebaw als einen der ersten äthiopischen Ingenieure in dem Programm zur Sebara Dildiy. Kurz nachdem der Bananenhändler den Übergang geschafft hatte, begann der junge Mann aus Addis Abeba damit, Farmer zu organisieren, um Baumstämme und Steine zu sammeln. Alle halfen mit, Bauern verließen ihre Felder, Mitglieder der Milizen legten ihre Waffen nieder. Es war eine harte und nicht ungefährliche Arbeit, die mit teilweise primitiven Werkzeugen und Behelfen zu bewerkstelligen war. Aber es kunktionierte. Kurz nach Fertigstellung des provisorischen Übergangs kamen die ersten Menschen, darunter zwei Männer, die eine kranke Frau auf einer Trage aus Fellhäuten trugen. Man war erstaunt und froh, dass der Übergang wieder möglich ist.

Frantz wird im nächsten Jahr wiederkommen, um das Provisorium mit einer permanenten und vor Überflutungen sicheren Brücke zu ersetzen.


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