Somalia schreibt Geschichte und wird poliofrei
Dan Nixon, Vivian Fiore
Rotary International News - 31. März 2008
Ein Nomadenkind in Somalia erhält die Schluckimpfung. Gesundheitsbeamte verfolgten die Routen nomadisierender Bevölkerungsgruppen und richteten Impfstationen an Schlüsselpunkten ein, um zu gewährleisten, dass auch diese Risikogruppen von den Impfanstrengungen erfasst wurden.
Foto: World Health Organization/Ahmed Tajudin.
In einem Triumph über Gewalt, Armut und fehlende Infrastruktur hat es Somalia geschafft, wieder poliofrei zu werden. Die weltweite Initiative zur Ausrottung von Polio (Global Polio Eradication Initiative oder kurz GPEI) erklärte am 25. März, dass die ostafrikanische Nation seit einem Jahr keinen einzigen Fall von Polio zu verzeichnen hatte. Obwohl die Krankheit hier bereits 2002 als ausgerottet galt, wurde 2005 ein Poliovirus aus Nigeria eingeschleppt, was einen Wiederausbruch der Krankheit mit 228 Fällen zur Folge hatte.
Bei dem erneuten Sieg über Polio in Somalia waren innovative Ansätze, die auf Einsätze in Konfliktgebieten zugeschnitten sind, ausschlaggebend. Über 10.000 Helfer und Freiwillige setzten in einem kurzen Zeitraum den monovalenten Impfstoff in unsicheren Gebieten ein. Mit Hilfe der Bevölkerung gelang es, in einem der gefährlichsten Länder der Erde 1,8 Millionen Kinder zu erreichen – eine unerhörte Leistung.
„Diese wirklich historische Errungenschaft zeigt, dass Polio überall besiegt werden kann, selbst in den schwierigsten Situationen”, sagt Dr. Hussein A. Gezairy, Direktor des Eastern Mediterranean Office der WHO.
Einer der Einsatzhelfer ist Ali Mao Moallim, der letzte Mensch, der 1977 an den Pocken – der bisher einzigen weltweit ausgerotteten Krankheit - erkrankte. Im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation bereiste er sein Land intensiv, um Kinder zu impfen und für die Impfaktionen und Unterstützung zu werben: „Somalia war das letzte Land mit Pocken. Ich wollte mich dafür einsetzen, dass es nicht das letzte mit Polio wird.”
Auch Dr. Amritel Costales, Senior-Berater der UNICEF in New York, weiß um die Schwierigkeiten, die sich durch die unsichere Lage und die Bevölkerungsbewegungen in einem Land ohne zentrale Regierung für die Impfanstrengungen ergaben: „Somalia besiegte Polio inmitten eines weit verbreiteten Konfliktes und in bitterer Armut, schlimmer noch als in Afghanistan oder Pakistan. Das Beispiel zeigt, dass Kinder überall erreicht werden können, wenn wir mit derUnterstützung der Menschen vor Ort rechnen können.”
Afghanistan und Pakistan, die immer noch 5 Prozent aller Poliofälle 2007 zu verzeichnen hatten, könnten als nächste an der Schwelle zur völligen Befreiung von der Kinderlähmung stehen, was bedeuten würde, dass nur noch Indien und Nigeria als polioendemische Länder überbleiben. Eine konsequente finanzielle Unterstützung ist immer noch der entscheidende Erfolgsfaktor für die Polioeradikation. Rotary International hat als privater Partner der GPEI in Somalia bisher 9,2 Millionen US-Dollar und weltweit seit 1985 insgesamt 700 Millionen US-Dollar eingesetzt. Für den globalen Kampf gegen Polio besteht für 2008/09 weiterhin eine Finanzierungslücke von 525 Millionen US-Dollar - Gelder, die dringend benötigt werden, um den Kampf gegen die Krankheit in den noch verbleibenden Ländern fortzuführen und um Kinder in Regionen mit hohem Ansteckungsrisiko besonders zu schützen.
„Somalia zeigt, dass die besonderen Werkzeuge und Taktiken der Intensivanstrengungen funktionieren“, sagt Mohamed Benmejdoub, Vorsitzender des Eastern Mediterranean PolioPlus Committee von Rotary. „Eine poliofreie Welt ist ein machbares Ziel der öffentlichen globalen Gesundheit. Ich rufe daher Regierungen in aller Welt, besonders die der G8-Staaten, auf, weitere Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass kein Kind mehr auf Lebenszeit durch diese grausame Krankheit gelähmt wird.”