Rotary.org: Aktuelles - Gespräch mit Muhammad Yunus

 Gespräch mit Muhammad Yunus

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Muhammad Yunus eröffnet im New Yorker Stadtteil Jackson Heights die erste Grameen America Bankfiliale. Heute operieren bereits fünf Filialen in den USA. Foto: Erica Lanser

Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger und der Banker der Armen, begann bereits als Wirtschaftsprofessor an der Universität von Chittagong in Bangladesh, das Leben von Menschen zu beeinflussen. Was als persönliche Kleinkredite an arme Frauen in Nachbardörfern begann, wurde schließlich zur Grameen Bank, die heute über mehr als 2500 Filialen in dem Land verfügt. Die Grameen Bank half bisher über 8 Millionen Menschen dabei, eine Existenz zu gründen - davon 97 Prozent Frauen. Yunus wird als Redner bei der RI Convention 2012 auftreten. Im Gespräch mit Warren Kalbacker stand er für die Zeitschrift The Rotarian Rede und Antwort. Hier sind Auszüge des Interviews.

TR: Sie führten 1976 das Konzept des Mikrokredites ein, welches beinhaltet, dass Sie Kleinstbeträge, manchmal nur Cents, an Einzelpersonen verleihen. Es mag viele Geschäftsleute verwundern, wie solch geringe Beträge überhaupt einen Effekt haben können.

Yunus: Mikrokredite begannen in einem kleinen Dorf in Bangladesh. Ich lehrte ökonomische Theorien, während im Land Hungersnot herrschte. Und ich war frustriert, dass das, was ich im Hörsaal behandelte, nichts mit den Leben der Armen zu tun hatte. Also beschloss ich, den Menschen in dem Dorf, das der Universität benachbart war, zu helfen. Ich bemerkte sogleich, dass Kredithaie in dem Dorf ihr Unwesen trieben. Sie liehen den Armen notwendiges Geld zu horrenden Bedingungen und Wucherzinsen. Sie kontrollierten praktisch das Leben der Menschen. Ich dachte mir, dass ich da persönlich einschreiten könnte. Also trug ich eine Liste von 42 Dorfbewohnern zusammen und gab ihnen das Geld, um sich von den Wucherern "freikaufen" zu können. Ich glaube, die Gesamtsumme dessen, was sie schuldeten, belief sich auf umgerechnet etwa 27 US-Dollar. Sie waren so überglücklich, als sie die Halsabschneider abbezahlen konnten. Und ich dachte mir: wenn ich mit so wenig Geld so viele Menschen glücklich machen kann, dann sollte ich das tunlichst ausweiten.

TR: Ihr Konzept des sozialen Unternehmens beinhaltet die Bereitstellung und Investition von Kapital und ein auf Ertrag ausgerichtetes Management. Doch sie sagen, es gibt keine Profitnahme. Wie passt das zusammen?

Yunus: Viele denken, wenn man den Profitanreiz wegnimmt, können Unternehmen nicht überleben. Das ist völlig falsch. Es gibt so viele andere Anreize und Entlohnungen. In einem social business mache ich andere Menschen glücklich. Und dadurch werde ich glücklich. Das ist eine Rechnung, die die Ökonomen nicht verstehen. Und das führe ich ein. Ich erteile dem Kapitalismus damit keine Absage. Vielmehr bestehe ich darauf, dass der Kapitalismus fehlinterpretiert wird, indem man nur die eine Geschäftsform der Profitmitnahme sieht. Das ist nicht ausgewogen. Wenn man also soziale Geschäftsformen zum kapitalistischen System dazu nimmt, wird das ganze Modell stabil. Wenn ein Unternehmen nur zum Zwecke des Profits geführt wird, sind die Menschen zu beschäftigt, soziale Probleme zu analysieren oder zu lösen, also lassen sie das Regierungen machen. Doch wir Bürger sind in der Lage, unsere Probleme selbst zu lösen. Und genau das machen soziale Unternehmen.

TR: Grameen hat sich mit dem französischen Lebensmittelgiganten Danone zusammen getan, um Joghurt in Bangladesh zu produzieren. Wie unterscheidet sich diese Initiative von konventionellen Profit-Unternehmen?

Yunus: Dieses social business ist eine Firma ohne Dividende, aber mit Verlustabsicherung, um ein soziales Problem zu lösen. Wenn Grameen Danone Foods Gewinne macht, verbleiben diese in dem Unternehmen. Der Zweck besteht darin, das Problem der Unterernährung von Kindern in Bangladesh zu lösen. Es produzierte einen Joghurt, der billig in der Herstellung ist und den sich auch die ärmsten Familien leisten können. Die positive Wirkung auf die Gesundheit der Kinder ist eindeutig. Das Unternehmen ist jetzt in seinem vierten Jahr und funktioniert sehr gut. Wir sind kurz vor dem Break-even Punkt.

TR: Sie sind ein unermüdlicher Verfechter für persönliche Initiative über Kulturgrenzen hinweg. Was motiviert Sie?

Yunus: Wirtschaftler setzen voraus, dass es nur eine sehr begrenzte Zahl von Unternehmertypen gibt, also wenigen Menschen, die Risiken eingehen und führen können, Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, die in der Lage sind, Unternehmer zu sein. Und der Rest der Menschheit muss unter ihnen arbeiten. Das ist inakzeptabel. Ich bestehe darauf, dass alle Menschen Unternehmernaturen sind. Ohne Ausnahme. Niemandem fehlt die Kapazität zum Unternehmertum. Doch es ist die Politik der Institutionen, dass wir nicht die Gelegenheit erhalten, unsere Fähigkeiten zu entdecken. Das gilt für unser Schulsystem, das auf der Prämisse basiert, dass harte Arbeit guten Lohn ergibt, genauer, dass man zur Schule geht, um einen Job zu bekommen. Als wenn das das einzige Ziel eines menschlichen Lebens wäre. Ich sage, das ist falsch.

TR: Was wird Ihr Thema sein, wenn Sie dieses Jahr auf der RI Convention sprechen?

Yunus: Ich werde über das Bildungssystem reden. Alle jungen Menschen sollten so geschult werden, dass sie wählen können. Sie können Jobsucher oder Jobanbieter sein. Sie können entscheiden, wenn sie aufwachsen, was sie sein wollen. Institutionen müssen so ausgerichtet sein, dass junge Menschen, egal welchen Weg sie nehmen, darin unterstützt werden, sodass sie ihre Lebensziele verfolgen können. Diese Wahl fehlt derzeit in unserem Bildungssystem.

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Lesen Sie das ganze Interview in der digitalen Ausgabe von The Rotarian.


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